Vergnüglich und ernst zugleich
Zwischen all den amüsant und unterhaltsam geschriebenen Szenen lauert eine zutiefst ernsthafte und wahrhaftige Familiengeschichte.
2006 erschien Morten Ramsland großartiger Familienroman „Hundsköpfe“, in der sich, wie so häufig in Familienromanen, ein Enkel daran macht, das Gedächtnis der Sippe zu rekonstruieren. Jetzt hat sich mit Anne B. Ragde eine der profiliertesten und bekanntesten Autorinnen Norwegens daran gemacht, ihren Familienroman zu schreiben. Aber viel mehr als das Genre haben die beiden Romane nicht gemein. Ramsland fabuliert, sein Roman ist bevölkert von skurrilen Typen und Geschichten und memoriert die Historie einer Familie über mehrere Generationen hinweg. „Das Lügenhaus“ ist dagegen straffer und zielgerichtet auf das überraschende und bewegende Ende hin geschrieben, dabei aber nicht minder unterhaltsam als Ramslands „Hundsköpfe“.
Die Geschichte beginnt damit, dass die alte Bäuerin Anna nach einem Schlaganfall im Sterben liegt und ihr ältester Sohn Tor, Anerbe des Hofes, seine zwei Brüder Margido, Bestattungsunternehmer, und Erlend, homosexueller Schaufensterdekorateur in Kopenhagen, ans Sterbebett der Mutter zusammenruft. Zur gleichen Zeit benachrichtigt Tor auch seine Tochter Torunn, von der bisher niemand etwas wusste, da Anna Torunns Mutter seinerzeit vom Hof und aus Tors Leben vergrault hatte. Die Familie ist seit Jahren zerstritten, der Vater führt ein verachtetes Schattendasein und so macht sich jeder der Drei mit gemischten Gefühlen und nie ausgetragenen Kontroversen im Gepäck auf den Weg nach Trondheim. Genügend Sprengstoff also für ein konfliktgeladenes Wiedersehen. Und als ob das nicht schon genug wäre, lüftet der Vater, als es gilt, das Erbe aufzuteilen, ein lang gehütetes Geheimnis, das vor allem Tor in seiner materiellen als auch immateriellen Existenz bedroht.
„Das Lügenhaus“ zeigt nicht, wie große Familienromane des 20. Jahrhunderts, den Niedergang und Verfall einer Sippschaft. Vielmehr ist die Familie bereits heillos zerstritten, hat die Fäulnis der Lüge bereits um sich gegriffen, die familiären Bande angegriffen und das Verhängnis seinen Lauf genommen. Trotzdem ist ein Neuanfang möglich. Mit der Wahrheit und mit „frischem Blut“, frischen Impulsen von außen, denn Anne B. Ragdes Roman ist kein düsteres Familiendrama, wenngleich die Liebe so existentiell, so groß und ernst ist, dass sie einer Scarlet O’Hara würdig sowohl vernichten als auch erlösen kann (Tara).
So liegt über der gesamten Erzählung ein Grundton der Ernsthaftigkeit, der Schwermut und der Schicksalhaftigkeit in Moll, dem die Autorin immer wieder amüsante, leichte, verspielte und trefflich skizzierte Sätze in Dur entgegensetzt. Daraus erwächst eine erzählerische Kraft, der man sich nur schwer entziehen kann. „Das Lügenhaus“ ist kein Buch, das man leicht und gerne aus der Hand legt. Am besten also, man sucht sich ein langes Wochenende aus, um es ohne Unterbrechung zu lesen und sich von den verschiedenen Milieus und Menschen gefangen nehmen zu lassen. Denn der Roman lebt vor allem auch von seinen einzigartigen, zuweilen verschrobenen und exzentrischen Figuren. Egal, ob homosexueller Schaufensterdekorateur, wortkarger Schweinezüchter in Nordnorwegen oder alleinstehende, junge Frau in Oslo – Anne B. Ragde ist meisterlich in der Schilderung der unterschiedlichen Lebensräume und ihrer Personen, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben.
Fazit: „Das Lügenhaus“ ist ein vergnüglicher, aber ernster Familienroman, dem es weder an Schwere und existentiellem Konflikt noch an Leichtigkeit und Unbeschwertheit mangelt, um in jeder Hinsicht gut zu unterhalten.
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