Anne B. Ragde, Die Liebesangst

Anne B. Ragde, Die Liebesangst
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„Das Lügenhaus“, „Einsiedlerkrebse“ und „Hitzewelle“: Drei große Romane, eine großartige Familiengeschichte. Während Anne B. Ragde in ihrer Trilogie um die Neshovs dem alt-ehrwürdigen Genre des Familienepos’ ein neues, zeitgemäßes Gesicht gegeben hat, wandelt sie nun mit ihrer Protagonistin Ingunn auf den Pfaden des modernen Single-Daseins.

Ingunn ist 39 Jahre alt, Musikjournalistin und Single. An Liebhabern mangelt es ihr jedoch nicht. Über Singlebörsen im Internet und durch das konsequente Ergreifen sich jeder bietenden Gelegenheit verfügt sie über ein abwechslungsreiches, aktives Sexualleben. Sie kann jeden Mann haben, den sie will, und sie nimmt ihn sich auch. Hauptsache, es sind keine Gefühle im Spiel. Denn Ingunns größte Angst ist, verlassen zu werden. Also ist es immer sie, die verlässt, sobald es ernst zu werden droht. Doch dann lernt sie zufällig Tom und seine kleine Tochter kennen und verliebt sich. Dieses Mal kann Ingunn ihre Gefühle nicht ignorieren und lässt sich – wenn auch widerstrebend – auf Tom ein. Dann erfährt sie, dass sie schwanger ist – und die Geschichte endet.
Ob sich Ingunn, die sich schon ein Mal bewusst gegen ein Kind entschied und ihrer jungen, hübschen Kollegin Tonje mit erschreckender Nüchternheit, ja Kälte zur Abtreibung rät, dieses Mal für das Kind entscheidet (von dem nicht klar ist, ob es bereits Toms Kind ist oder das eines anderen), bleibt unbeantwortet. Das ist schade, denn zum einen beginnt die eigentliche Geschichte, Seelen- und Charakterstudie über Ingunn erst mit dem Eintreten dieses unerwarteten und alles umwälzenden Ereignisses. Zum anderen wirkt dieses offene Ende so berechnend auf Fortsetzung ausgerichtet.

Es war schön, in drei Bänden über die Neshovs zu lesen und dass am Ende des ersten Romans nicht alle Fragen beantwortet werden, störte überhaupt nicht. Ob nun noch ein oder zwei Romane über die Neshovs gekommen wären: es spielt keine Rolle. „Das Lügenhaus“ war eine exzellente, brillant und witzig geschriebene Familiengeschichte – ob mit oder ohne Fortsetzung. Über die Fortführung in „Einsiedlerkrebse“ hat man sich gefreut. Es war schön, alte Bekannte wiederzutreffen und zu hören, wie es ihnen seit dem letzten Mal ergangen ist. „Hitzewelle“ war ein alles in allem würdiger Abschluss der Trilogie, reichte aber schon nicht mehr an seine Vorgänger heran. Mit „Liebesangst“ scheint Anne B. Ragde diesen Coup wiederholen zu wollen, so offensichtlich auf eine Fortsetzung hin geschrieben scheint dieser Roman (der gleichwohl landauf, landab hervorragende Kritiken erhalten hat). Genau deshalb misslingt „Die Liebesangst“ für mich. Ingunn bleibt mir bis zum Schluss fremd. Man muss nicht prüde sein, um Ingunns sorglosen Umgang mit ungeschütztem Sex mit stetig wechselnden Partnern als abstoßend zu empfinden. Und da, wo es interessant wird, wo Ingunss Fassade Risse bekommt, wo die Charakterstudie, der Einblick in eine eigentlich zutiefst einsame Seele beginnen könnte, endet die Geschichte und es bleibt ein Gefühl der Leere zurück, weil „Die Liebesangst“ für den Leser zum unbefriedigenden Leseerlebnis wird. Nichts erfährt man wirklich über diese Ingunn, die Angst vor dem Verlassenwerden hat und sich deshalb auf niemanden wirklich einlässt und die trotz ihrer Einsamkeit und Leere, in der sie lebt, kein Gefühl des Mitleids beim Leser evoziert. Ingunn ist wie der gesamte Roman nur mehr ein Skelett. Für eine richtig gute Geschichte, wie sie Anne B. Ragde schreiben kann, und für einen richtigen Charakter, der bewegt, fehlt das Fleisch. Schade, denn Anne B. Ragde ist eine sehr viel bessere Autorin und Geschichtenerzählerin, als sie es hier gezeigt hat. Bleibt die Hoffnung auf eine tatsächliche Fortsetzung von „Liebesangst“ mit der eigentlichen Geschichte von Ingunn.