Anne B. Ragde, Einsiedlerkrebse

Anne B. Ragde - Einsiedlerkrebse

Von Menschen und Schweinen – Das Familienepos geht weiter

„Sie mühen sich ab, um das richtige zu finden, uns sie werden nervös, weil sie zu viele Häuser zur Auswahl haben, erklärte Großvater Tallak, sie bilden sich ein, dass sie sich im alten nicht mehr wohlfühlen, wenn sie ein neues sehen.“ (Anne B. Ragde, Einsiedlerkrebse, btb, München 2008: S. 137)

Die Rede ist von den titelgebenden Einsiedlerkrebsen, dem Nachfolgeroman zu Anne B. Ragdes „Das Lügenhaus“. So wie die „splitternackt“ (S.137) und „ohne Schutz“ (S. 138) geborenen Tierchen andere Häuser stehlen müssen, um überleben zu können und also stets auf der Suche nach neueren und größeren Schneckenhäusern sind, um ihre Existenz zu sichern, so brechen auch für die Mitglieder der Familie Neshov – der Bestattungsunternehmer Margido, der homosexuelle Schaufensterdekorateur Erlend, Schweinezüchter Tor, Torunn und „der Alte“ – nach dem Tod der Mutter und Bäuerin Anna und dem erschütternden Bekenntnis des Vaters zu Weihnachten neue Zeiten an. Sie alle müssen sich dem neu gewonnenen Wissen stellen, ihre Zukunft neu regeln und sich neu finden; bei Erlend und Krumme kommt mit Krummes Kinderwunsch noch eine Beziehungskrise hinzu. Auch Torunn plagen Beziehungsprobleme. Erst verliebt sie sich unsterblich, wird dann bitter enttäuscht und reist in der Folge nach Byneset, um den Liebeskummer zu bekämpfen, aber auch, um Tor und dem Vater zu helfen (Tor hat sich inzwischen das Bein beim Holzhacken so schwer verletzt, dass er den Hof nicht ohne Hilfe bewirtschaften kann). Als Tor seine Tochter eines Abends zur Entscheidung zwingen will, den Hof zu übernehmen, eskaliert die Situation, Ende offen. Das evoziert eine Fortsetzung, die nicht nur dramaturgisch, sondern auch aus purem Lesevergnügen dringend gewünscht ist! Denn wie schon bei „Das Lügenhaus“ geht man gerne mit Tor in den Schweinestall, feiert mit Erlend in Kopenhagen Exzesse, liebt und leidet man mit Torunn, würde man Margido doch auch ein bisschen vom geborgenen Glück der Einsiedlerkrebse gönnen … Anne B. Ragde portraitiert ihre Charaktere warm und liebevoll, mit einem Schuss Skurrilität, ohne sie jedoch jemals der Lächerlichkeit preis zu geben – auch dann nicht, wenn manche Szenen zum Lachen provozieren.

Dabei handelt „Einsiedlerkrebse“ von nichts geringerem als der Frage nach dem Sinn eines jeden einzelnen Lebens. Für Tor besteht es in der Weitergabe, dem Vererben des Hofes an Torunn. Auch Krumme ist plötzlich bewusst geworden, dass das Leben von einer Sekunde auf die andere vorbei sein kann, und was bleibt dann noch von einem Menschenleben? „Es geht um den Rest unseres Lebens, Erlend. Da muss es mehr geben als das, was wir jetzt haben. Mehr. Etwas, das weiter reicht, über uns hinaus. Weiter. Ein Leben.“ (Anne B. Ragde, Einsiedlerkrebse, btb, München: 2008: S. 98)

Jede neue Lebensphase macht es erforderlich, sich ein neues, passendes Schneckenhaus, ein neues Zuhause zu schaffen – bis es nicht mehr passt. Dann gilt es, dies hinter sich zu lassen und wieder von Neuem zu beginnen – ein ewiger Kreislauf, im Leben der Einsiedlerkrebse wie in dem der Menschen. Das Glücklichsein ist immer nur ein Glücklichsein auf Zeit. Man kann es nicht ewig halten. Das Leben fordert, sich diesen Zustand stets aufs Neue zu definieren, zu schaffen, zu suchen, eine zeitlang zu halten und wieder loszulassen. Glücklichsein besteht auch darin, einen Roman wie „Einsiedlerkrebse“, seine letzte Zeile mit Wehmut, aber auch mit Hoffnung auf eine weitere Fortsetzung, gelesen zu haben.