Anne B. Radge, Hitzewelle

Anne B. Ragde - Hitzewelle
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„Hitzewelle“ ist das Leichte im Schweren abhanden gekommen – Dennoch ist der Roman ein der Neshovs würdiges Schlusskapitel

Nach einem Ende, das seine Fortsetzung schon evozierte, liegt mit „Hitzewelle“ nun der dritte und abschließende Band von Anne B. Ragdes Familienepos um die Neshovs vor.

Tor hat sich, nachdem Torunn sich nicht sofort entschließen konnte, den Hof als Anerbin zu übernehmen, im Koben seiner Lieblingssau Siri das Leben genommen, und so müht sich Torunn nun, zusammen mit dem charmanten Betriebshelfer Kai Roger, mehr schlecht als recht den Hof zu bewirtschaften. Der Alte ist wortkarg und – im wahrsten Sinn des Wortes – stinkig wie eh und je, dennoch empfindet Torunn Zärtlichkeit für ihn, und die emotionale Annäherung der beiden, in deren Verlauf der Alte Torunn mehr von seinem Innersten preisgibt als irgendjemandem sonst jemals zuvor, gehört zu den anrührendsten, schönsten und stärksten Szenen des Romans.

Auch für den in sich gekehrten, biederen Bestattungsunternehmer Margido empfindet man zunehmend mehr Sympathie und – vor allem – Wärme. Zwar kann er immer noch nicht so ganz aus seiner Haut, was unter anderem dazu führt, dass Torunn den Hof schließlich in einer Nacht-und-Nebelaktion heimlich verlässt, um nicht mehr wiederzukommen, doch mangelt es dem Eremiten nicht an Einsicht. Er macht sich schwere Vorwürfe und ist sicher derjenige der noch verbliebenen zwei Brüder, die aus der Geschichte am meisten gelernt, von ihr am meisten begriffen haben, während Erlend – nunmehr mit Krumme und Jytte und Lizzi schwanger – egoistischer denn je erscheint. Zwar gehören dem liebenswerten Exzentriker immer noch die amüsantesten, in seiner Verschrobenheit, Skurrilität und Ich-Bezogenheit leichtesten Szenen in diesem Roman, doch wird er einem auch zunehmend fremder, da sich immer nur alles um seine kleine Welt zu drehen scheint. Überhaupt: Das Amüsante, das Skurrile, das Verschrobene. Wo ist es hin?

„Hitzewelle“ fehlt das Leichte im Schweren, wie es „Das Lügenhaus“ und „Einsiedlerkrebse“ trotz aller Schicksalsschläge auszeichnete. Dieser abschließende Roman ist so von Torunn und ihrer Bürde, das Anerbe des Vaters anzutreten – der konkreten wie der emotionalen, da Torunn sich die Schuld am Selbstmord des Vaters gibt – durchzogen, dass alles Leichte untergeht in der großen Traurigkeit und unter der großen Last, die Torunn mit sich herumträgt. Darum ist hier auch kein Platz mehr für Erlends in den ersten beiden Romanen so liebenswert erscheinendem Egoismus und seiner Exzentrik.

„Hitzewelle“ trägt schwer an Torunns Schicksal. Dennoch stellt der Roman wenn schon kein fulminantes so doch ein würdiges Schlusskapitel dieser Familiensaga dar, und deswegen hat man als „guter Freund der Familie“, der man nach „Das Lügenhaus“ und „Einsiedlerkrebse“ längst geworden ist, auch dieses Mal sein Vergnügen und sein Leid an den Machenschaften der Sippe Neshov.