Das Böse steckt in uns allen

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Kann dein Mann, mit dem du seit fünf, zehn oder fünfzehn Jahren zusammenlebst, der zärtlicher Vater und Ehemann ist, kann dieser Mann zum brutalen Mörder, Vergewaltiger und Folterknecht werden? Ja, er kann. Kann deine Freundin, die voller Wärme und Herzlichkeit ist, ohne mit der Wimper zu zucken Menschen in den sicheren Tod schicken? Ja, sie kann. Das jedenfalls ist das Fazit des Romans "ausnahme" von Christian Jungersen.

Der ehemalige Werbetexter, der als solcher sicher ausgiebig Gelegenheit hatte, die Mechanismen des Mobbings aus nächster Nähe zu studieren, thematisiert in "ausnahme" die Psychologie des Bösen. Am Beispiel der vier Frauen Camilla, Anne-Lise, Malene und Iben, die nicht zufällig im fiktiven Dänischen Zentrum für Information über Völkermord arbeiten, zeigt Jungersen, wie wenig Intellekt und fundiertes Wissen davor bewahren, selbst zum Täter zu werden.

Malene und Iben sind eng befreundet, treffen sich auch privat häufig und teilen allerlei Geheimnisse miteinander. Anne-Lise ist erst seit einem Jahr am Institut und fühlt sich am meisten von den beiden Busenfreundinnen ausgegrenzt. Doch auch Camilla ist nicht so harmlos wie sie scheint und birgt ein dunkles Geheimnis. Die Situation eskaliert schließlich, als Iben und Malene anonyme Todesdrohungen per Mail erhalten. Zunächst glauben alle, dass die Drohungen nur von einem serbischen Kriegsverbrecher stammen können, dessen Gräueltaten Malene und Iben in diversen Artikeln beschrieben haben. Doch bald darauf stirbt Malenes Freund, der mit Hilfe einer Spyware herausgefunden hatte, wer hinter den anonymen Mails steckt, auf mysteriöse Weise. Nun schließen Malene und Iben auch Anne-Lise als Absenderin und Mörderin nicht mehr aus. Ihr Taktieren und Mobbing gewinnt eine neue Qualität. Allianzen werden geschlossen und wieder gebrochen. Anne-Lise ist am Ende ihrer psychischen und physischen Kräfte und riskiert nicht nur ihre Gesundheit, sondern auch ihre Familie zu verlieren.

Christian Jungersen beschreibt unglaublich präzise und einfühlsam, was Mobbing mit den Opfern anrichtet, wie Geist, Seele und Körper Schaden daran nehmen und wie schwer es ist, sich aus der Opferrolle zu befreien. Doch Jungersen schlüpft nicht nur in die Rolle des Opfers, sondern auch in die des bzw. der Täter. Abwechselnd erzählt er aus Ibens, Malenes, Anne-Lises und Camillas Perspektive, und mit jedem Perspektivenwechsel ist der Leser gezwungen, seine Meinung zum Geschehenen zu revidieren. Diese Perspektivenwechsel gelingen Jungersen absolut überzeugend. Nach jedem Kapitel denkt man wie die jeweilige Protagonistin und verdächtigt die drei anderen. Dabei ist es erschreckend zu sehen, wie schnell man geneigt ist, alles und jeden des Schlimmsten zu verdächtigen. Jungersen schafft es so als moderne Version des unzuverlässigen Erzählers den Leser selbst intellektuell wie emotional in das Geschehen zu involvieren. Das macht das Buch so überaus fesselnd und spannend, dass man es bis zur letzten Seite nicht aus der Hand legen mag.

Doch der Leser erfährt nicht nur Erschreckendes über sich selbst, sondern auch viel Wissenswertes über die Psychologie von Tätern, wie beispielsweise der Nazis und der Kriegsverbrecher aus dem ehemaligen Jugoslawien. Die Tatsache, dass alle vier Frauen gemeinsam am Dänischen Zentrum für Informationen zum Völkermord arbeiten, macht das Thema Mobbing nicht nur brisanter, es erlaubt Jungersen zudem, wissenschaftlich fundierte Studien zu dieser Thematik zu zitieren, ohne dass diese Passagen allzu akademisch wirken. Vielmehr integrieren sie sich so ganz natürlich in die Semantik des Romans und bieten eine zweite Ebene der Kommunikation über Täter- und Opferrollen an. Das bittere Fazit: Das Unerklärliche bleibt eigentlich - wissenschaftlich - unerklärlich und das Böse steckt in uns allen. Es gibt keine Ausnahme. Jeder ist unter bestimmten Umständen zu allem fähig.

Dass Mobbing und Machstreben verschiedene Gesichter haben kann, illustriert Jungersen außerdem an der Figur des karriere- und machtbewussten Institutsleiters Paul. Paul verkörpert einerseits den Prototypen des skandinavisch-liberalen, partnerschaftlichen Chefs, andererseits ist er ein machtbesessener Intrigant, der nicht davor zurückscheut, Menschen zu manipulieren, um seine Macht zu erweitern.

Unter welchen Umständen ein Mensch schließlich zum Kriegsverbrecher, Massenmörder, Vergewaltiger und Folterer wird oder zu demjenigen, der sein eigenes Leben riskiert, um andere Menschen vor dem sicheren Tod zu bewahren, darauf liefern weder dieses Buch noch die zahlreichen wissenschaftlichen Studien eine Antwort. Das erklärt vielleicht das Ende des Romans, das sicherlich ganz bewusst alle zitierten Untersuchungen konterkariert. Doch ganz sicher ist: "ausnahme" hat alle Preise zu Recht erhalten und verdient noch viele mehr!