Ghita Gothóni – Die Bezauberin

Ghita Gothóni - Die Bezauberin

„Die Bezauberin“ bezaubert

In ästhetischen Bildern fängt Ghita Gothóni die Atmosphäre des karelischen Sommers, seiner Landschaft und Menschen ein und schildert eine moderne Geschichte über Liebe und Sehnsucht, die ewige Suche nach dem (eigenen) Glück und dem Du, das dieses Glück vollkommen machen soll.

Die 56jährige Ghita Gothóni ist zumindest als Schriftstellerin ein noch unbeschriebenes Blatt. Vielleicht deshalb entschloss sich der Verlag (Dittrich), ihren Debütroman „Die Bezauberin“ im Klappentext als „Krimi“ zu bezeichnen, denn Krimis aus Skandinavien erregen nach wie vor stets große Aufmerksamkeit und häufig wohl auch entsprechende Absatzzahlen im Buchhandel. Doch ist die literarische Einordnung des Romans als Krimi meiner Meinung nach irreführend, wiewohl zwei (vermeintliche) Mordanschläge verübt werden und ein Kommissar die Bühne betritt. Doch der Reihe nach.

Nach neun Jahren kehrt der in Köln als Übersetzer arbeitende Erik Sandell in seine finnische Heimat zurück. Damals hatte er sein Land Hals über Kopf verlassen, weil er es nicht ertrug, dass Hanna, mit der er leidenschaftliche Beziehung hatte, sich von ihm von heute auf morgen trennte, um seinen besten Freund Kari zu heiraten. Nun sitzt er gleich am ersten Abend seinem alten Freund und dessen Frau gegenüber. Während sie über alte Zeiten sprechen, huscht Liisa wie ein Schatten an ihnen vorbei. Erik gerät in den Bann dieser geheimnisvollen Kindfrau, die nach Meinung des Dorfes und Karis zurückgeblieben ist. Erik macht jedoch eine ganz andere Erfahrung, beginnt, um sein Glück zu kämpfen, doch Liisa entschwindet ihm immer wieder. Sie umgibt eine geheimnisvolle Aura, die zunächst ebenso undurchdringlich erscheint, wie der Nebel, der den Felsen einschließt, auf den Liisa sich seit ihrer Kindheit zurückzieht, um der Welt zu entfliehen. Doch Erik gibt nicht auf. Je beharrlicher er jedoch das Ziel seiner Sehnsucht verfolgt, desto mehr muss er gegen Widerstände und Vorurteile kämpfen. Schließlich werden auf Liisa zwei Mordversuche verübt – der Kommissar, Mäntylä, tritt auf den Plan.

Erik und Mäntylä – Die moderne Holmes-Watson-Variante

In seiner verschwiegenen, kühle Distanz wahrenden, aber intellektuellen Art erinnert er ein wenig an die Detektive alten Schlages wie Sherlock Holmes oder Hercule Poirot. Erik gibt dabei seinen Konterpart. Gemeinsam lösen sie schließlich den „Fall Liisa“, der seine Wurzeln in der Vergangenheit hat und mit Liisas – vermeintlich ebenfalls zurückgebliebener – Großmutter Anni beginnt. Während sich Mäntylä der Sache rational und mit detektivischen beziehungsweise polizeilichen Mitteln nähert, geht Erik rein emotional und intuitiv an die Geschichte heran, und genau diese konträren Wege führen schließlich zur Lösung. Gemeinsam räsonieren Mäntylä und Erik, ganz wie Holmes und Watson, nur gleichberechtigter und moderner, tauschen Informationen und Gedanken zu den rätselhaften Geschehen aus (es zeigt sich, dass auch Liisa ihr Geheimnis hat und mit Informationen hinter dem Berg hält), bis sich am Ende der Nebel, der eine zentrale konkrete wie metaphorische Rolle spielt, gelüftet hat. Doch deshalb von einem Krimi zu sprechen, halte ich für falsch, dominiert doch das Mystische des karelischen Sommers, Licht, Schatten, Nebel, Undurchdringliches – in der Natur wie in den menschlichen Beziehungen -, schildert „Die Bezauberin“ doch den modernen Menschen, der zerrissen ist zwischen Natur und Kultur, zwischen Tradition und Moderne, der verzweifelt fast auf der Suche ist nach dem Sinn des Lebens, der Glück und Liebe desperat sucht und im Leben wie in seinen Gefühlen herumirrt wie Erik im des seine Ferienhütte und den Felsen umgebenden Nebels.

Ghita Gothóni erzählt dies in schönen, ästhetischen Bildern, die die Hitze des ostfinnischen Sommers ebenso einfangen wie die Stille des Waldes und den Nebel, der alles verschluckt: Geräusche, Menschen und zuweilen auch Gefühle. Die geistige Enge der Dorfgemeinschaft tut ihr übriges, eine beklemmende Atmosphäre zu kreieren, gegen die Erik ebenso kämpft wie er um Liisa kämpfen muss. Es entsteht so eine Kulisse, die stets zwischen Magie und Wirklichkeit changiert, die die Grenze zwischen Realität und Fantasie immer wieder überschreitet und vor der am Ende – trotz allem – die Liebe und die Intuition siegt, obwohl das Ende wohltuend realistisch ausfällt. Es hätte sonst die Gefahr des Kitsches bestanden, doch diese Klippe umschifft Ghita Ghotóni in ihrem ersten Roman gekonnt. So bleibt ein Buch, das, wie es schon der Titel verspricht, bezaubert – auch und gerade ganz ohne das Etikett „Krimi“.