Håkan Bravinger, Ein unversöhnliches Herz

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Bruderhass und –zwist ist eines der ältesten Motive der Literatur. Angefangen bei Kain und Abel finden sich weiter Zeugnisse in der griechischen und römischen Mythologie. Einer der berühmtesten Brudermorde ist wohl in Dostojewskis Roman ,,Die Brüder Karamasow“ zu finden. In „Ein unversöhnliches Herz“ hat sich nun auch der Schwede Håkan Bravinger dieses Themas angenommen. Es ist, nach zwei Gedichtsammlungen, Bravinges erster Roman und dieser hat in Schweden für großes Aufsehen gesorgt und die dortige Presse begeistert. In der Tat bietet „Ein unversöhnliches Herz“, alles, was einen Roman gut verkauft und zum Lesen animiert, nämlich „Sex and Crime“.

„Ein unversöhnliches Herz“ handelt von den beiden verfeindeten Brüdern Bjerre — Poul, glühender Anhänger Freuds und Nietzsches, und Andreas, Professor für Kriminalpsychologie. Obwohl beide die Seele und ihre Verletzungen zum Gegenstand ihrer Forschung gemacht haben, gelingt es ihnen nicht, ein entspanntes Verhältnis zueinander zu finden. Mehr noch. Je erfolgreicher Poul wird, desto problematischer wird Andreas‘ Lebenssituation, der Zeit seines Lebens an einem einzigen Werk schreibt. Er kämpft zunehmend mit Krankheiten, Schreibblockaden und sexuellen Zwangsgedanken. Nicht einmal die Liebe seiner zweiten Frau Madeleine kann seinen Untergang aufhalten. Währenddessen ist sein Bruder Poul das exakte Gegenteil: selbstdiszipliniert, erfolgreich, glücklich in einer stabilen Ehe verheiratet und scheinbar unantastbar. Aber natürlich hat auch dieser Poul seine schwachen Momente und Seiten, die sich dem Leser zögerlich offenbaren.

Andreas‘ Selbstmord, der darauf folgende Besuch Madeleines bei Poul und ihre Bitte, einen Brief von Andreas zu lesen, den Poul vor Jahren ungelesen vernichtet hat sowie der nahende Tod seiner Frau setzen Poul zunehmend unter Druck. Verdrängtes drängt erbarmungslos an die Oberfläche. Jetzt hat auch Poul mit seinen Dämonen zu kämpfen, so wie es Andreas ein Leben lang musste.

Håkan Bravinger ist ein fesselnder Roman gelungen
, der, und das geschieht selten genug, von der ersten Zeile an in den Bann zieht. Wiewohl „Ein unversöhnliches Herz“ auf wahren Begebenheiten beruht, so macht der Autor in seinem Nachwort doch deutlich, dass es sich um einen Roman handelt, in dem er manche Ereignisse zeitlich verschoben hat, „um Platz in der Geschichte zu finden“, ebenso wie er manche Szenen und Charaktere frei erfunden hat. Es ist aber völlig unerheblich, ob akribisch nacherzählt oder frei erfunden: „Ein unversöhnliches Herz“ fesselt, weil es einen direkt von Anfang an ins Geschehen hineinwirft und neugierig macht, was geschehen ist, dass es mit einem Selbstmord und dem Vorwurf des Mordes endet. Alle Charaktere – die Großen, Tragenden wie Andreas und Poul, und auch die Kleineren, die Nebenfiguren – sind lebendige Gestalten geworden. Durch Perspektivenwechsel und mehr noch durch die posthum an seinen Bruder gerichteten Briefe Andreas‘ ist eine unverwechselbar dichte Atmosphäre entstanden, die die Handelnden und die Zeit, in der sie sich bewegen, sehr lebendig und authentisch erscheinen lassen. Poul, Andreas und ihre Lebensgeschichte steht wie ein farbenreiches, opulentes Gemälde vor eines inneren Auge. Man leidet und liebt mit ihnen und ihren Frauen.

„Ein unversöhnliches Herz“ ist auch ein Sittengemälde, wirft es doch etliche moralische Fragen auf, denn Andreas war in erster Ehe mit Amelie Posse verheiratet, während Poul sich mit ihrer Mutter vermählte. Als ob das nicht schon für die damalige wie für die heutige Zeit sicher aufsehenerweckend genug zu nennen ist, heiratet Andreas in zweiter Ehe ausgerechnet Amelies beste Freundin Madeleine. Hat all das dazu geführt, dass Amelies und Andreas‘ Sohne Sören Christopher mit renitentem Verhalten reagiert? Man erfährt es nicht wirklich. Die Geschichte um Sören Christopher, der als Psychopath abgeurteilt wird und dessen Spur sich schließlich auf der Gefangenenkolonie Australien verliert, erzählt Bravinger nicht bis zum Ende, wie er auch sonst den ein oder anderen Gedanken, die ein oder andere Episode nicht auserzählt. Doch was im übrigen Romangeschehen durchaus als Bereicherung anzusehen ist, fällt im Falle Sören Christophers eher als dramaturgischer Mangel ins Auge. Kurz: „Ein unversöhnliches Herz“ hat alles, was eine heutige Soap-Opera oder Doku-Soap nicht besser ersinnen könnte. Das macht Bravinger sich zunutze, ohne aber seine Protagonisten des Voyeurismus preiszugeben. Alles in allem ein starkes Stück Literatur: deftig, leidenschaftlich, zügellos, atemberaubend und eindringlich.
Bravo, Bravinger!.