Vom schwierigen Vergnügen, einen isländischen Schlüsselroman zu lesen

Eines Morgens wacht Einar Grímsson erinnerungslos und ohne Strümpfe nahe einem einsamen Schafhof auf. Der jüngste Sohn des Bauern Hrólfur, Ponsi, findet ihn, und weil man in Island Gastfreundschaft groß schreibt, nimmt der wortkarge Bauer den Findling auf.

Allmählich erinnert sich der Greis: Er ist der berühmte isländische Schriftsteller Einar Grímsson und an keinem geringen Ort ohne Socken aufgewacht, als in seinem eigenen Roman - im Hölllental, das er vor mehr als 40 Jahren schuf. In der Tat beginnt für Einar Grímsson seine private Hölle. Hilflos muss er mit ansehen, was er sich vor 40 Jahren ausgedacht hat, ohne die geringste Chance, etwas rückgängig zu machen oder zu ändern.

"Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein" gilt als Schlüsselroman. Er ist in weiten Teilen eine kritische Auseinandersetzung mit dem 20. Jahrhundert und seiner isländischen Literatur. Das Nachwort empfiehlt eine Lektüre von Halldór Laxness' Roman "Sein eigener Herr"; das würde das Lesevergnügen um eine ganze Sinnebene bereichern. Und damit ist auch der eigentliche Knackpunkt des Romans benannt: Schlüsselromane in all ihrem Anspielungsreichtum sind meist nur für Eingeweihte vollständig entschlüsselbar. All jenen, die "Sein eigener Herr" nicht kennen, werden viele Pointen und Andeutung verborgen bleiben. Was übrig bleibt, ist ein Roman, dessen Idee - ein Schriftsteller erwacht nach seinem Tod in seinem eigenen literarischen Werk - durchaus tragfähig ist. Die ersten gut 200 Seiten lesen sich flüssig, spannend und immer mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Hier gibt Helgason/Grímsson/Laxness den griesgrämigen Greis, dessen bissige Kommentare und Beobachtungen unterhaltend und amüsant sind. Im Mittelteil langweilt sich der nicht-eingeweihte Leser mächtig, aber in all dem Geplauder versteckt, finden sich dann doch wahre literarische Perlen, die es lohnenswert machen, das Buch auch dann unbedingt zu Ende zu lesen, wenn man die Romanfolie "Sein eigener Herr" nicht kennt. Hier nämlich legt der zunehmend jünger werdende Autor seine Lebensbeichte ab, die zugleich die politisch-ideologische Beichte einer ganzen Generation ist.

Wie Grímsson sich allmählich dem Kern seiner Beichte, dem Verrat seines besten Freundes sowie dessen Freundin und Kind an Stalins Schergen, herantastet, ist spannend, quälend authentisch und wirkungsvoll dargestellt. So spiegelt sich das vergangene Jahrhundert mannigfaltig auf verschiedenen Ebenen des Romans, der damit - zum Glück für alle nicht isländischen Leser - dann eben doch mehr ist, als "nur" eine parodistische Auseinandersetzung mit dem isländischen Bauernroman und dessen "Übervater" Halldor Laxness.

"Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein" thematisiert daneben das Verhältnis zwischen Autor, Werk und Lesern - auf höchst unterhaltsame Art. In einem kurzen Intermezzo nämlich darf der zwar verjüngte, aber immer noch mausetote Autor in die Zukunft und an einen literarischen Pilgerort reisen: seinem eigenen ehemaligen Zuhause, das nun zum Wallfahrtsort seiner allzu menschlichen Leser und Fans geworden ist. Helgason persilfiert hier den ganz und gar neumodischen Literaturtourismus. Außerdem tauchen die Leser des Werkes als Schatten auf, die an einem Hang auf das Fjordtal sitzen, in das es Grímsson später verschlägt. Solange es noch Leser gibt, wird ein "ewiges Gericht" über den Autor Rat halten und das (Todes-)Urteil immer wieder aufgeschoben werden. Es geht dabei um nicht weniger, als die moralische Verantwortung, die ein Autor für sein Werk übernehmen muss - bis über seinen Tod hinaus. Es sind letztlich solche Passagen, die "Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein" zu einem richtig guten, vielschichtigen Roman machen, weil er eben von mehr als den knapp 300.000 Isländern gelesen werden kann.