Erwachsenwerden in den 90ern - Eine Jugend in Aalborg

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"Nordkraft" erzählt von den Kindern der 68er-Generation, die in den 90er Jahren eigentlich hätten erwachsen werden sollen, aber sich selbst aus dem Leben in eine Drogenumlaufbahn katapultierten: lauter angeknackste, aber liebenswerte Existenzen - ob es die junge Maria ist, die freiwillig und von sich aus eine "Pusherfrau" ist, und die eine immer oberflächlichere und - in jeder Hinsicht - unbefriedigende Beziehung mit ihrem Freund, dem Dealer Ansger, führt und deren Mutter als Ex-Hippie nur noch einen Wunsch hat: dass die Tochter zurück kommt und das Abi nachholt. Oder ob Allan, der Maschinenschlosser, der nach einer dramatischen Katastrophe auf einem Öltanker für immer gezeichnet überlebt und einen Neuanfang mit den alten Freunden im Dealermilieu versucht, oder Steso mit dem stechenden Blick, der den Rausch zum Lebenszweck gemacht hat und eines Tages von seinen Eltern tot im Wohnzimmer gefunden wird - die Menschen in Nordkraft kämpfen trotzig um ein Stück Glück im Leben.

Der Roman schildert also in drei eigenständigen Kapiteln wie in drei Kurzromanen eine Jugend in den Neunziger Jahren in Aalborg. Das führt dazu, dass die Erzählung in mehrere Perspektiven zergliedert wird und die einzelnen Kapitel mitunter recht abrupt enden. Sein Bild von den Mitgliedern der Gruppe muss sich der Leser also selbst zusammensetzen. Das ist zunächst reizvoll. Doch am Ende schließt Ejersbo leider alle Lücken. Fragen bleiben nicht offen. Damit ist der Roman, so ungewöhnlich er auch beginnt, schließlich doch recht konventionell erzählt. Hinzu kommt der stark didaktische Einschlag Jakob Ejersbos. So ist beispielsweise keiner der dargestellten Räusche "euphorisch"; keiner bringt wirklich jemals wenigstens für Minuten oder Stunden Glück, Erleichterung und Lebensfreude. Das mindert insgesamt die literarische Qualität des Romans, der zwar alles in allem souverän, aber im Grunde genommen auch brav, wenn nicht etwas konservativ, und stellenweise langatmig erzählt ist.

Trotzdem funktioniert der Roman auf einer emotionalen Ebene, auf der man mit den Protagonisten richtiggehend mitleidet. Das Kapitel über Stesos Tod und seine Beerdigung ist ergreifend erzählt, ohne dass Jakob Ejersbo sentimental oder kitschig wird. Im Gegenteil. Die Trauer der Eltern wirkt echt, nicht aufgesetzt und nicht übertrieben emotional überladen. Ebenso entlarvt er die sozialen Zwänge, die diese Subkultur der Drogenabhängigen ebenso prägen wie die bürgerliche "Leitkultur", aber auch die Instabilität der Freundschaften, die kennzeichnend für dieses Milieu sind, mit Sympathie für seine Figuren, doch auch mit realistischem, schnörkellosem Blick. Auch der Prozess der Trennung Marias von ihrem Freund Ansger ist nicht nur glaubwürdig, sondern auch berührend erzählt.

Gleichzeitig räumt Jakob Ejersbo dabei mit dem auch in Deutschland weit verbreiteten, romantischen Bild vom ebenso "liberalen" wie "sozialen" Skandinaviens auf, das insgesamt "lebenswerter" scheint, als beispielsweise Deutschland. Die 68er-Bewegung hat auch die familiären Strukturen Skandinaviens beeinflusst und verändert, doch mitnichten hat sich alles für alle zum bessern gewendet. Die Kinder der 68er in "Nordkraft" jedenfalls kommen mit ihren Ex-Hippie-Eltern ebenso wenig zu Recht wie mit ihren gutbürgerlichen. Die trostlosen 90er mit steigender Arbeits- und Perspektivlosigkeit haben auch das Erwachsenwerden in Dänemark nicht leichter gemacht als in Deutschland. Auf dem Weg dorthin kommen Maria, Svend, Nina, Lene, Lille-Lars und Steso hier und da vom Weg ab und verirren sich in der Frage, wie sie wieder aus dieser Situation herauskommen sollen. Dem einen gelingt's, andere bleiben auf der Strecke, wieder andere sterben. Und das ist, trotz aller didaktischen und langatmigen Einschläge, berührend und zur Identifizierung einladend erzählt.