Jón Kalman Stefánsson, Sommerlicht, und dann kommt die Nacht

Jón Kalman Stefánsson, Sommerlicht, und dann kommt die Nacht
In Island sind die Winter lang und dunkel, die Sommer nur kurz, dafür aber umso heller. Da kann es einem scheinen, dass die Tage nur die Nächte miteinander verknüpfen (Sommerlicht, und dann kommt die Nacht, S. 11/12), die sich schier endlos aneinanderzureihen scheinen, besonders wenn man in einem 400-Seelen-Ort im Westen Islands lebt, und dass der Abstand zwischen Leben und Tod nur hauchdünn ist; gibt es da überhaupt einen Abstand (…)? (Sommerlicht, und dann kommt die Nacht, S. 87)

Jón Kalman Stefánsson spürt in „Sommerlicht, und dann kommt die Nacht“ in einem Reigen loser verbundener Lebenswege und Geschichten den großen, existentiellen Fragen im Leben nach. Seine Figuren, zum Beispiel der Fabrikdirektor, der eine bildschöne Frau, Haus und Hof für lateinische Bücher und die Sterne verspielt, oder Jónas, der mit seinem Malerpinsel die Welt verändern kann, oder Þuríður und Benedikt, die kaum, dass sie einander gefunden haben, der Tod trennt, treibt letztlich alle nur die eine große Frage: Wozu habe ich gelebt? (Sommerlicht, und dann kommt die Nacht, S. 173 – 175)

Dort, wo der Winter von Mitte November bis Ende Januar kaum mehr als drei, vier Stunden Licht bietet, ist man Leben und Tod näher als anderswo. Die Suche nach dem Sinn des Lebens stellt sich in dem abgeschiedenen Erdteil drängender. So wie nach dem kurzen Sommer schon der kühle Herbst mit Regen und Nebel hinter der nächsten Weggabelung lauert, den langen, dunklen Winter im Gepäck, so ist auch der Tod stets allgegenwärtig und dem Lebenden immer schon immanent. Jón Kalman Stefánssons Geschichten über die Schicksale der Menschen des Ortes, der namenlos bleibt, zeigen auf, wie schmal der Grat zwischen Leben und Tod, Liebe und Einsamkeit ist. In lakonisch-melancholischem Tonfall und poetischen Bildern, die zum Beispiel das kosmische Hintergrundrauschen als „das Raunen der Toten“ (Sommerlicht, und dann kommt die Nacht, S. 180) beschreiben, erzählt der Autor über Alles und Nichts und dabei von den ganz großen Dingen im Leben. Lachen und Weinen liegen immer nur um Haaresbreite auseinander, so wie das nach dem Sommerlicht immer schon die Nacht lauert. Ein schöner, ein leiser und poetischer Roman, den man mit Muße lesen sollte, damit man all die Schätze, die dieses Buch bereithält, nicht überliest.