Liebe in Zeiten der totalitären Gesellschaft

Im Mittelpunkt der Erzählung steht Leo Kall, der an der Erfindung des Wahrheitsserums Kallocain beteiligt ist. Erzählt wird rückblickend aus seiner Perspektive.

Der Weltstaat ist eine militaristische Gesellschaft, und der Zusammenhalt der Gesellschaft beruht auf einer irrationalen Angst vor dem Fremden. Das System hat Einblick in die rituellen Bedürfnisse der Menschen und vermag auch, diese Kräfte auszunutzen. In jedem Zuhause gibt es ein elektronisches Polizeiauge und jede Familie hat eine Art Haushälterin, die an den Staat bereichten soll. Nach sieben Jahren gehören alle Kinder dem Staat.

Im Weltstaat ist die Intimsphäre einem enormen Druck ausgesetzt. Der Staat tut alles, um eine gefühlsmäßige Bindung, die sich zwischen Mann und Frau, Eltern und Kind etablieren will, zu verhindern. Ein überwachendes Polizei-Auge und ein Polizei-Ohr sind deshalb in jedem Raum installiert.

Leo Kall ist zu Beginn ein loyaler und disziplinierter Mitsoldat, der daran mitarbeitet, das Präparat Kallocain, ein Wahrheitsserum, zu entwickeln, das jeden Mitsoldaten dazu bringen soll, seine innersten Geheimnisse preiszugeben.

Leo Kall hat jedoch selbst schon einen Fehler gemacht, indem er auf einer Feier, auf der man das Entsenden der Kinder in eine andere Stadt, feierte, "privatsentimentalen" und "asozialen" Gefühlen Ausdruck verliehen hat. Er spricht an dieser Stelle von dem Schmerz, den es den Eltern bereitet, ihre Kinder wegzugeben. Dies handelt ihm einen Brief vom Propagandaministerium ein, in dem er dazu aufgefordert wird, Abbitte zu leisten.

Das Schamgefühl ist das, was den Weltstaat zusammenhält; die Scham über die persönlichen und "asozialen" Gefühle, die die Individuen selbst bewegen und ihre Beziehung zu ihren Nächsten. Leo Kall kämpft gegen seine Gefühle, seine Träume von Nähe und Liebe, an. Doch etwas ist in ihm erwacht. Er betrachtet seine Ehe mit Linda nicht mehr nur als zweckmäßig, sondern er beginnt, sich nach einem tieferen Kontakt mit seiner Frau zu sehnen. Er will in sie, in ihr Innerstes, eindringen und ein Teil von ihr werden. Er sieht ein, dass seine Liebe eine "unerhörte Wendung" genommen hat und wird von Schamgefühlen ergriffen. Gleichzeitig beunruhigt ihn das Schreiben vom Propagandaministerium. Sein großes Problem ist, dass er sich in seine eigene Frau verliebt ist und mit einer Frau Mitleid empfindet, die verzweifelt darüber ist, ihre Tochter weggeben zu müssen. Er hat Gefühle für seine Familie, Gefühle, die im Weltstaat nicht zugelassen sind. Der Konflikt, in dem Leo Kall sich befindet, ist nicht ganz und gar unbekannt. Ein Mann, der seine Familie liebt, gerät in Konflikt mit den Institutionen, die von ihm Arbeitseinsatz und Effektivität fordern - auch und gerade in unserer Gesellschaft. Das menschliche Engagement ist umständlich und erfordert Zeit und Geld. Es ist "Schotter im Getriebe der Effiktivitätsmaschinerie". In dieser Bedeutung ist Liebe immer asozial im Verhältnis zu der sie umgebenden kollektiven Ordnung.

Die Bedürfnisse des Individuums kollidieren mit den Anforderungen nach sozialer und zivilisatorischer Anpassung, die die Kultur und die Gesellschaft an uns stellt. Hier finden sich Ideen Sigmund Freuds wieder: Seine Beschreibung der Methoden, die die Kultur anwendet, um die Aggressionen, die das Individuum gegen die Kultur richtet, unschädlich zu machen, sind direkt überführbar auf das Polizei-Auge und -ohr, das in den Wohnungen des Weltstaates installiert ist.

Das Polizei-Auge und -ohr ist, wenn man in Freuds Bahnen denkt, eine Metapher für den sozialen Druck, dem wir ausgesetzt sind, auch wenn wir nicht in einem Polizeistaat leben. Es braucht solcher Apparate nicht, denn die kontrollierenden Instanzen sind bereits in uns selbst montiert in Form des Über-Ich, dem schlechten Gewissen und Repräsentanten der Normen und Gesetze unserer Gesellschaft. Bis ins Privatleben hinein verfolgen uns die kollektiven Vorstellungen darüber, wie die Ehe und das Sexualleben sich gestalten sollten. Und es bedarf Mut und individueller Integrität, um es zu wagen, sich dem zu widersetzen und das zu tun, wozu man Lust hat.

Als Leo Kall mit seinem Chef Edo Rissen seine Kallocain-Experimente an lebenden Menschen beginnt, ist es just der Gefühlsausdruck, der vom Weltstaat als asozial klassifiziert worden ist, der, zu Leo Kalls Zufriedenheit und Entsetzen, bei den Versuchspersonen aufgedeckt wird. Leo Kall reagiert mit Erschöpftheit auf das bloßgelegte innere Leben der Versuchspersonen. Edo Rissen dagegen scheint nicht so sehr verwundert zu sein. Auch als einer der Versuchspersonen von Lustmord phantasiert, wird er nicht aufgeregt. Dieses Fehlen von Entrüstung oder Missfallen stört Leo Kall. Edo Rissen ist ein Mitläufer in dem totalitären Staat. Rissen ist kein Held, sondern ein Leuteschinder, der sich, wie alle anderen, um sein eigenes Heim sorgt und Angst um die eigene Haut hat. Dass Edo Rissen nicht über die Aggressionen und den "Empfindheitsdurst", der bei den Versuchspersonen zutage tritt, verwundert ist, beruht darauf, dass er insgeheim nicht das idealisierte Menschheitsbild des Weltstaates, das den Menschen als vernunftgesteuertes Wesen betrachtet, verinnerlicht hat. Kein menschlicher Ausdruck, der ihm während der Versuche begegnet, scheint ihm fremd zu sein.

In diesem Weltstaat, der sich mit dem Universalstaat im Kriegszustand befindet, sodass die Menschen gezwungen sind, unterirdisch in "Zellen" zu wohnen, sehnen sich die Menschen nach Nähe und Vertrauen. Das ist natürlich gefährlich für den Staat und so wird ein neues Gesetz eingeführt, das es ermöglicht, Menschen wegen Verbrechen in Gedanken zu verurteilen - auf Leo Kalls Initiative hin.

Leo Kall erlebt zugleich seine schwerste Krise und injiziert sogar seiner Frau Linda das Wahrheitsserum, besessen von Eifersucht und dem Verlangen, er möge von ihr so geliebt und begehrt werden wie er sie begehrt und sich nach ihrer Nähe verzehrt. Zu seinem Entsetzen entdeckt Leo Kall, dass die staatsfeindlichen Gedanken sowohl in ihm als auch in seiner Frau virulent sind. Die Lage spitzt sich für Leo Kall bedrohlich zu, doch bevor der Staat eingreifen kann, kommt es zur Invasion durch den Universalstaat.

Leo Kall landet als Regimegegner im Gefängnis des Universalstaats. Doch der Universalstaat ist nur ein Abbild des Weltstaats. Heimlich schreibt Kall seine Memoiren nieder und glaubt trotz allem, dass sein Kallocain den Menschen helfen kann, eine neue Welt zu schaffen.

Kallocain ist spannend erzählt und zugleich ein eindringliches Plädoyer für Menschlichkeit und Vertrauen, gegen Unterdrückung und Diskriminierung. Darum ist Kallocain heute so aktuell wie 1941.

Literatur:
Camilla Hammarström, Karin Boye. Stockholm, 1997

Bengt Davidsson. Framtidsromanen Kallocain. En presentation och ett försök till analys, delvis i jämförelse med ett par andra framtidsromaner. Hämtad ur Karin Boye Sällskapets Minnesskrift "Karin Boyes Liv och Diktning V".

Ingrid Malm, Romanen Kallocain.