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Vom Willen, zu leben
Kris ("Krise")
ist Karin Boyes autobiografischer Roman,
in dem sie von ihrer persönlichen Lebenskrise, hervorgerufen
durch strenge und hohe moralische Ansprüche sowie durch
ihre Homosexualität, romanhaft erzählt.
Protagonistin ist Malin Frost.
Wir begegnen ihr in ihrem zweiten Semester im Lehrer-Seminar
in Stockholm. Zunächst hat Malin einen starken christlichen
Glauben, doch allmählich beginnt sie, zu zweifeln. Angst
und Unruhe ergreifen von ihr Besitz. Sie versucht, die Angst
mit Arbeit zu betäuben, doch sie schafft es nicht, ihre
Unruhe und Angst in den Griff zu kriegen.
Sie erlebt sich selbst als zu ich-bezogen
und glaubt, sie habe die ewige Verdammnis verdient, da
sie im Angesicht von Krieg, Gewalt, Inquisition und Folter,
die sie in Gedanken und Träumen erlebt, zu schwach war,
zu beten: "Nicht mein Wille geschehe, sondern Dein".
Im Angesicht der Herausforderung also, in dem Moment, wo es
darauf ankommt, entpuppt sie sich als zu schwach, diese Bitte
zu beten, erlebt dies wiederum selbst als einen Verrat, der
nur mit ewiger Verdammnis gesühnt werden könne.
Malin weiß zunächst nicht,
an wen sie sich wenden soll, entschließt sich dann
aber, sich an Fröken Mogren, einer frommen Frau und guten
Zuhörerin, zu wenden. Sie konfrontiert sie mit ihrer Angst,
den "geistigen Tod" zu sterben. Fröken Mogren
versucht ihr klar zu machen, dass das eine Angst ist, die jeden
treffe, von der niemand verschont bleibe. Doch die Zweifel bleiben.
Dabei spielt der Begriff des Gewissens
eine zentrale Rolle: "Wenn man nicht mal mehr dem
Gewissen trauen kann, worauf kann man dann vertrauen?"
fragt Malin. Weiter insistiert Malin: "Du sollst deinen
Herrn und Gott lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und
mit all deinem Geist. Ganz, nicht halb. Ist das nicht das einzig
Notwendige? Aber ich kann nicht, denn ich will nicht!"
Fröken Mogren weist darauf hin,
dass man seine Gedanken nicht allzu sehr um das eigene,
kleine Ich kreisen lassen soll, sondern dass man auch an die
anderen zu denken habe, denn sonst vergäße man zum
Schluss das Leid der anderen ganz.
Doch alle gut gemeinten Worte von Fröken Mogren helfen
Malin nicht. Mit jeder neuen Sorge, lädt sie mehr Schuld
auf sich.
Schließlich wird Malin von ihren Eltern zu Doktor Ringström
geschickt. Ein paar gut gemeinte Ratschläge plus ein wenig
Medizin auch von seinerseits, und das Ganze ist schon vorüber.
Doch natürlich ist Malin damit
nicht geholfen. Einige Zeit später hat sie einen Traum.
Sie befindet sich in einem Wald und hat Todesangst. Sie heult
wie ein Hund, immer lauter, doch niemand hört sie. Jetzt
war es soweit, jetzt wusste sie, dass sie geisteskrank war,
heißt es dazu im Roman.
Kurze Zeit später ist Malin beim
Morgengebet im Lehrer-Seminar und hört Rektor Melling
über die richtige Reue sprechen. In ihrem Innern führt
Malin einen Dialog mit sich selbst, über ihre Reue und
ihre Angst. Doch bleibt sie aufs Neue nur in den Worten stecken,
kommt nicht weiter. Dann geschieht das Wunder: Am Ende des Gebets
hebt sie ihren Kopf und blickt direkt auf den Nacken von Siv
Lindvall. Malin entspannt sich bei diesem "vollendeten"
Anblick. Die rastlos umher irrenden Augen finden einen Haltepunkt
und ruhen auf Sivs Nacken. Malin erlebt diesen Augenblick wie
ein Wunder, wie eine Befreiung.
Während der darauf folgenden Osterferien
besucht sie eine Freundin aus einem christlichen Sommerlager,
Nora Hermansson. Das Zusammensein mit Nora tut Malin sichtlich
gut. Nora zeigt sich verständnisvoll, als Malin in einen
Weinkrampf ausbricht und Malin erlebt, wie sich die tödliche
Angst in etwas vollkommen Neues verwandelt, in Sehnsucht, in
die Sehnsucht der Lebenden. Sie gesteht sich ein, dass sie bei
Siv sein möchte und kehrt ins Lehrer-Seminar zurück.
Dort wird sie von neuen Selbstzweifeln
und -vorwürfen geplagt, denn ihre Sehnsucht nach
Siv ist eine verbotene. Malin versucht, sich mit einem Aufsatz
über Jeremia abzulenken und ihn als Vorbild für sich
zu nehmen. Doch sie kann sich nicht auf ihre Gedanken konzentrieren.
Vor ihr sitzt Siv und Malins Gedanken schleichen sich immer
nur fort nach Siv. Das einzige, was in ihr sprach, war der "Durst
nach dem Verbotenen". Doch Malin entschließt sich,
ihr Leben zu gewinnen, wie in einem Tausch, wie Jeremias es
formuliert hat: "Mit dir soll ich dein Leben gewinnen lassen
wie in einem Tausch, wohin du auch gehen magst."
In Folge dieser Entscheidung beschließt
Malin, den Namen Gottes zu verwerfen und stattdessen
mit nacktem, aber sehendem Auge voranzuschreiten, was auch immer
da kommen mag. In dieser Nacht geht Gott unter, heißt
es an dieser Stelle in einem Gedicht im Roman.
Malin genießt den Anblick Sivs
aus der Ferne und ihre gelegentlichen Zusammentreffen.
Gleichzeitig erlebt sie sich selbst als "undankbar",
wenn sie Siv ihre Gesellschaft aufdrängt: "Du hast
ein neues Leben gewonnen und die Herrlichkeit auf Erden und
des Himmels - und du willst noch mehr?"
Malin will noch mehr, doch sie versagt
es sich mit dem psychologischen Kniff, dass man etwas
so Schönes, Vollkommens und Reines nicht besitzen könne,
nicht besitzen dürfe. Umso härter trifft sie die Erkenntnis,
dass Siv sich mit einem jungen Mann trifft. Malin fühlt
nur noch Schmerz, Siv und Schmerz.
Das Lehrer-Studium geht zu Ende und
die Abschlussfeier findet statt. Malin fühlt sich
- wieder und mehr denn je - außen vor, alleine, doch in
ihr ist Siv. Der Schulabschluss ist auch ein Abschied von Siv,
doch wie kann man etwas verlieren, das in einem wie ein Baum
gewachsen ist?
Malin streckt den Nacken wie in einem
heimlichen Akt des Glaubensbekenntnisses, das einzige
Glaubensbekenntnis, das sie noch besitzt. Sie bekennt sich mit
stolzer Verliebtheit und bar jeder Vernunft zum ewigen Lebenswillen.
Kris ist wahrscheinlich in seiner Radikalität
einzigartig in der schwedischen Literatur. Nirgendwo
sonst wird homosexuelle Liebe in den 1920-er Jahren geschildert,
nirgendwo sonst wird über eine religiöse und Identitätskrise
junger Menschen so schonungslos offen geredet, nirgendwo den
Protagonistinnen und Lehrerinnen-Schülerinnen so viel Mitgefühl
und Mitleid für die anderen abverlangt, nirgendwo sonst
wird die vollständige Unterordnung unter Gottes Willen
so bedingungslos dargestellt. Nirgendwo sonst wird geschildert,
wie ein junger Mensch an diesen und den selbst gestellten hohen
Ansprüchen scheitert, sich von diesen Ansprüchen löst
(in dem Gedicht "I natt gick Gud under" (Heute Nacht
ging Gott unter) im Roman) und sich zum bejahenden Lebenswillen
bekennt, um der Krise zu entkommen. Auch Siv zeigt Malin durch
ihr Dasein, ihre Verbundenheit mit und in der Natur und der
Existenz im Allgemeinen, den Weg aus der Krise, hinaus ins Leben.
Ganz so einfach wie im Roman geschildert,
scheint der eigene Weg aus der Krise für Karin Boye nicht
gewesen zu sein, wie Notizen in Karins Den kristna dagboken
(Das christliche Tagebuch) und Tankejournalen (Gedankenjournal)
zeigen.
Die Gespräche, die Malin I und
Malin II in Kris führen, scheinen für Karin
Boye ein Leben lang Bestand gehabt zu haben. Hinweise und Spuren
dieser Dialoge finden sich in den zahlreichen Gedichten Karin
Boyes.
Literatur:
Bengt Davidsson. Törsten
efter det förbjudna
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