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Vom Risiko ein Skrake zu sein - Finnisch-Stunde
Ausgangspunkt von Kjell Westös
Roman Vom Risiko, ein Skrake zu sein ist das Jahr 1952 - ein
denkwürdiges Jahr in der finnischen Geschichte: In Helsinki
fand die Olympiade statt, Coca-Cola wurde auf den Markt gebracht
und die finnische Schönheitskönigin Armi Kuusela wurde
Miss Universum. Der junge Werner Skrake, der gerade von einem
Studienaufenthalt in den USA zurückgekehrt ist, erhält
den ehrenvollen Auftrag, am Tag der Markteinführung einen
der Coca-Cola-Wagen zu fahren, bringt sich und seine Nachfahren
jedoch für immer in Verruf, als er von der Straße
abkommt und seine gesamte kostbare Last zu Bruch geht, was in
allen großen Zeitungen bildlich festgehalten wird.
Werners Sohn Wiktor Juri Ansgar
- benannt nach dem Kosmonauten Gagarin und Ich-Erzähler
dieses Romans, der nach langer Abwesenheit ins Haus seiner Kindheit
zurückkehrt - muss sich noch Jahrzehnte später spitze
Bemerkungen über den Vorfall anhören. Er selbst fasst
das Leben seines Vaters gerne mit dem Begriff metjty zusammen,
was im Finnlandschwedischen bedeutet, "in allem, was man
sich vornimmt, zu scheitern, eine Fähigkeit, die nicht
mehr und nicht weniger als ein Schicksal ist."
Und Werners Pechsträhne reißt
nicht ab. Seine Ehefrau Vera verlässt ihn, seine
vergeblichen Versuche, im Hammerwurf die 60-Meter-Grenze zu
überwinden, enden in der letzten Phase seiner sportlichen
Karriere damit, dass die Eisenkugel endlich die magische Grenze
deutlich hinter sich lässt. Leider ist es zum einen nur
ein Trainingswurf, und leider zertrümmert der Hammer zum
anderen beim Aufschlagen den Fuß von Bischof Achrén,
wonach dieser sich fortan nicht mehr seinen seelsorgerlichen
Pflichten widmen kann. Selbst seine zweite Leidenschaft, das
Spinnfischen von Lachsforellen, bringt Werner nichts als Unglück.
So versagt er bei seinem Versuch, seine Erfahrungen in literarische
Form zu bringen. Und seine besondere Neigung zum Scheitern verlässt
ihn bis in den Tod hinein nicht: Beim Kampf mit einer der größten
Lachsforellen seines Lebens rutscht er auf einem Stein aus und
bricht sich das Genick ...
Die Geschichte der Familie Skrake
umspannt sowohl die Gegenwart als auch die Vergangenheit. Vom
finnischen Bürgerkrieg im Anschluss an den Ersten Weltkrieg
bis in die Neuzeit reicht das Panorama. Die Jagd auf die großen,
silberfarbenen Regenbogenforellen in den Schären vor Råberga,
wo Werner und Wiktor wohnen, wird dabei zu einem Bild für
das schwer zu fassende Mysterium des Lebens an sich. Helsinki
(finnlandschwedisch: Helsingfors), die große Stadt, wird
zum Sinnbild für Aufbruch, globales Denken, aber auch Ernüchterung.
Kjell Westö selbst sagt über "Vom Risiko ein
Skrake zu sein" es sei sein Versuch,
"das 20. Jahrhundert Finnlands anhand einer Familie einzufangen,
deren Männer Spezialisten darin sind, am falschen Ort zur
falschen Zeit das Falsche zu tun." Unübersehbar diente
dabei die eigene Familiengeschichte als Quelle. Dabei schafft
es Kjell Westö, soweit zu abstrahieren, dass der Roman
nicht zu biografistisch ausfällt und als allgemeingültiger
Roman über dieses Finnland, dieses Helsingfors, gelten
kann. Allerdings, gut zwei Drittel des Buches wartet man vergeblich
darauf, dass nun die Männer am falschen Ort zur falschen
Zeit das Falsche tun. Wenn es dann endlich zu den oben genannten
Zwischenfällen kommt, sind sie doch relativ schnell abgehandelt
und wirken irgendwie banal - was vielleicht nur daran liegt,
dass der Klappentext bereits zu viel Preis gibt und die Überraschung
einfach nicht mehr groß genug ist?
Wie dem auch sei, was all überall als "vielschichtiger
Familienroman" und als "Geschichte des 20. Jahrhunderts
in Finnland" gefeiert wird, bleibt
für alle Uneingeweihten der finnischen Geschichte weiterhin
nebulös und in Teilen zäh zu lesen. Der Autor
schweigt sich fast ebenso beharrlich über die finnischen
Kriege aus wie die Protagonisten. Wer hier nicht bereits über
Hintergrundwissen verfügt, wird aus "Vom Risiko ein
Skrake zu sein" nicht weiter schlau.
Überhaupt ist "Vom Risiko ein Skrake zu sein"
ein so genuin finnland-schwedischer
Roman, dass es für deutsche Leser, die nicht über
entsprechendes Hintergrundwissen verfügen, oft schwer sein
dürfte, nachzuvollziehen, was nun der besondere Reiz dieses
Buches ist, sodass es in Finnland und Schweden als epochales
Werk gefeiert wurde. Gewiss, das Burlesk-melancholische und
Skurril-humorvolle, was finnische Autoren wie etwa Arto Paasilinna
auszeichnet, findet sich auch in "Vom Risiko ein Skrake
zu sein", aber als deutscher Leser muss man mehr danach
suchen; das Schwermütige übertönt hier ganz deutlich
die skurrilen Töne.
Doch richtig packend wird der Roman
gegen Ende des ersten Buches. Wenn Wiktor endlich alt
genug ist, dem Zuhause im wahrsten Sinn des Wortes zu entlaufen,
sich in Helsingfors alleine durchschlägt und all das Fragile,
Zerbrechliche und Verletzliche in der Beziehung zu Vater - und
auch Mutter - deutlich zutage tritt, taucht man wirklich ein
in eine berührende Geschichte über die Schwierigkeiten
(und Risiken) des Erwachsenwerdens - die in Finnland nicht viel
anders sind als im Rest von Europa.
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