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Vaters merkwürdigstes Patent
Laars Saabye Christensens Geschichte eines Außenseiters
„Du musst das merkwürdigste Patent deines Vaters sein“, bringt Holmsen, einer der Erfinder, mit denen der Vater des Ich-Erzählers im Patentamt zusammenarbeitet, die ganze Komplexität der Existenz des erzählenden Ichs in Lars Saabye Christensens neuem Roman „Nachtschatten“ auf den Punkt. Denn der bis kurz vor Schluss namenlose Ich-Erzähler ist ein Hermaphrodit, ein Zwitter, was allerdings ebenso im Vagen bleibt und nur andeutungsweise angesprochen wird, wie so viele Lebens- und Familiengeheimnisse in dieser Geschichte.
Im Kern geht es in „Nachtschatten“ (die für die Pflanzen, an die sie sich heften, giftig sind) um die sensible und aufwühlende Zeit der Pubertät, kreist um den Augenblick, da Adrian – so heißt der Erzähler, wie kurz vor Ende enthüllt wird – vom Jungen zum Mann wird und beschreibt den schwierigen Weg der Identitätsfindung, die umso komplizierter wird, da Adrian kein eindeutiges Geschlecht hat und seine Abnormität tabuisiert wird. Doch es geht auch um Scham und Lügen und dunkle Geheimnisse.
Ein Meer aus Lügen, Schamlosigkeit und Geheimnissen
Der Vorwurf der Schamlosigkeit trifft Adrian das erste Mal, als er nach seines Vaters Tod die Mutter fragt, ob er Vaters alte Life-Hefte haben könne. „Du solltest dich schämen, schäm dich!“ ruft seine Mutter aus und Adrian wird bewusst, dass die Schamlosigkeit sein „Gebrechen“ ist – und nicht etwa seine Zweigeschlechtlichkeit oder sein humpelnder Fuß. Außerdem verbreitet Adrian quasi schamlos Lügen oder erweist sich zumindest als Erzähler als unzuverlässig, da er mehrere Male verschiedene Varianten eines Ereignisses anbietet. Dabei wendet sich der Erzähler an ein imaginäres Du – die Leser? Oder ein Therapeut? Das bleibt im Dunkeln. Wie so vieles andere auch, beispielsweise, warum Adrians Vater, ein Patentingenieur, Selbstmord begeht, als Adrian 12 ist. Oder was hinter dem überstürzten Aufbruch von Adrians Tante aus Paris steht, wo sie eine Zeit lang als Hausdame beschäftigt war und einige Vorlesungen des Philosophen Henri Bergson besucht hat. Bis zum Schluss erscheint auch der Tod des Nachbarmädchens Emilie, als Albino ebenso ein Außenseiter wie Adrian, einigermaßen rätselhaft, weil man schon ahnt, dass es nicht einfach ein Unfall war. Doch auch hier maskiert der Erzähler die Wahrheit zunächst hinter unausgesprochenen Worten und Halbwahrheiten, bis er sich am Ende selbst entlarvt. Gleichzeitig kokettiert Adrian mit seinem imaginären Publikum – ob Therapeut, Theaterpublikum (es wird „König Ödipus“ aufgeführt) oder Leser -: „Ich wende mich zu dem Stuhl, auf dem niemand sitzt. Dann mache ich das Licht aus und ziehe die Portieren vor. Die Bühne liegt wieder im Dunkel. Es ist vorbei. Und wenn meine Geschichte dich berührt hat, dann war es eine Tragödie. Hast du aber gelacht, nur ein einziges Mal, dann war es nichts als eine Komödie“, heißt es am Romanende. Wer sich angesprochen fühlt, hat die Wahl. Komödie oder Tragödie.
Adrians Sichtbar-Werdung
Tatsächlich bietet „Nachtschatten“ beides. Die Geschichte hat ebenso komische Momente wie auch zutiefst tragische. Nicht zuletzt ist Emilies Tod, den Adrian zu verantworten hat, zutiefst tragisch, denn man wird das Gefühl nicht los, dass der Mord nur begangen wurde, damit der Mörder gesehen wird und sich seiner eigenen Existenz vergewissern kann. Derer muss sich Adrian nämlich stetig vergewissern, durch sexuelle Handlungen, durch Vergewaltigung und Misshandlungen, durch Aufsässigkeiten, schließlich durch Mord, aber auch durch Abwesenheit. Nach erfolgreicher Premiere des Stücks „König Ödipus“ von Sophokoles, in der Adrian einen umjubelten Ödipus spielt, bleibt er der zweiten Aufführung fern, und stellt fest: „Ich wurde vermisst. Ich war unersetzlich. Niemals war ich lebendiger als in diesem Augenblick, ich war lebendig und wütend.“
Das Drama
Doch nicht nur im Roman wird Theater gespielt. Auch der Aufbau selbst imitiert die berühmte Formel des griechischen Dramas, die die Einheit von Zeit, Ort und Handlung verlangt. So ist „Nachtschatten“ in drei größere Abschnitte eingeteilt, die mit Zeit, Ort und Handlung überschrieben sind. Gleichzeitig referiert das Theaterstück „König Ödipus“ selbst auf das klassische griechische Drama. Hier spielt Adrian die Hauptrolle, und auch das beinhaltet viel Symbolik, denn wie Ödipus – der „Schwellfuß“ – humpelt auch Adrian und wie König Ödipus, der unwissend eine inzestuöse Beziehung zu seiner Mutter eingeht, spielt Sexualität auch für den pubertierenden, hermaphroditen Adrian naturgemäß eine große Rolle. Auch sein Verhältnis zur Mutter beinhaltet erotische Momente, und bei einer weiteren sehr symbolträchtigen Szene am See, bei der eine Schlange und eine attraktive Frau von Bedeutung sind, erhält Adrian den Beinamen „Ladyboy“. Dabei geht es immer darum, „sichtbar“ für andere zu werden, wie zum Beispiel auch in der Szene, als Adrian sich weigert, seine Haare schneiden zu lassen und einen Schulverweis riskiert: „(…) nie war ich sichtbarer gewesen“, heißt es dort.
Das Sexuelle
Weil seine Umgebung seine eigentlichen körperlichen Auffälligkeiten so geflissentlich ignoriert, kompensiert Adrian dies, indem er sich erst die Haare lang wie eine Frau wachsen und dann – nach einer misslungenen Rasur durch zwei Junkies – indem er sich die Haare beim Damenfrisör schneiden lässt. Der Salon heißt bezeichnenderweise Desirée und verkörpert auch sonst für Adrian seine sexuellen Sehnsüchte und Wünsche, denn diese Welt ist „weich“ und enthält nichts, „woran man sich stoßen konnte“. Ganz anders beim Herrenfrisör, wo es „fast wie in einem Waffenlager aussah“ und scharfe Kanten gibt. Zwar gibt Adrian dem Damenfrisör, der Verkörperung des Weiblichen, den Vorzug, doch kehrt er auch beim Herrenfrisör, der Verkörperung des männlichen Prinzips, ein. Beides dokumentiert Adrians Zwiespalt und seine Zerrissenheit zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen.
Das Rätselhafte als konstituierendes Element
Neben den Anspielungen auf das Drama fungiert Henri Bergsons Abhandlung über das Lachen, Le Rire, als intertextueller Bezugs- und Kontrapunkt, doch anders als bei der Referenz auf das Drama, spielt Lars Saabye Christensen nicht offensichtlich mit den von Bergson definierten Stilmitteln der Komik. Weder nutzt er Adrians körperliche Defizite und Abnormitäten, um sie dem Gespött der Leute preiszugeben noch setzt er auf mechanische, sich wiederholende oder der Situation inadäquate Verhaltensweisen bei den Protagonisten, die zum Lachen reizen. Doch die verbitterte, böse Tante zitiert immer wieder aus dieser Arbeit und schenkt Adrian schließlich das Buch mit der Widmung „De ta mamie“, was „Von deiner Omi“ heißt, aber nicht weiter erklärt wird. Für Adrian und den Leser bleibt die Tante stets die Tante. Was also hat es mit der Widmung auf sich? Deutet dies auf eine inzestuöse Beziehung zwischen Adrians Vater und seiner Schwester-Mutter hin? Oder war die Dame, bei der die Tante angestellt war, die Mutter von Adrians Vater und seiner Schwester? Man weiß es nicht. Lars Saabye Christensen legt ständig solche Spuren aus, ohne sie aufzuklären. So rätselhaft die Geschichte, so unbestimmt Adrians sexuelle Identität, so verwirrt und mit vielen Fragen im Kopf bleibt auch der Leser zurück, und in dieser Unsicherheit bezüglich des Erzählten spiegeln sich gleichsam Adrian und seine Geschichte wider. So bleiben 287 Seiten Rätsel – die zum Lachen und zum Weinen, zum Nachdenken und Nachlesen einladen.
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