Die Welt mit anderen Augen sehen lernen

Aprilhexe handelt von Desirée und ihren drei Pflegeschwestern Christina, Margareta und Birgitta. Nicht zufällig tragen sie damit die Namen der Töchter des schwedischen Königshauses, denn ihre Schicksale und Lebensentwürfe stehen stellvertretend für eine ganze Epoche, dem Nachkriegsschweden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Desirée ist spastisch gelähmt und Epileptikerin; ihren Körper kann sie nicht kontrollieren, ihren Geist dafür umso mehr. Weggesperrt in einem "Pflegeheim" und von ihrer Umwelt unbemerkt, entwickelt Desirée eine besondere Gabe: sie ist Aprilhexe. Aprilhexe zu sein, bedeutet für Desirée, in andere Körper schlüpfen zu können, sich hinter die Augen ihrer "Wirte" zu setzen und auf diese Weise, die Welt so zu sehen, zu spüren und zu erleben, wie es diese Menschen tun.

Desirée ist nur allzu schmerzlich bewusst, dass ihre leibliche Mutter sich dreier Pflegetöchter angenommen hat. Neidisch betrachtet sie diese nun erwachsenen Frauen mit dem sicheren Gefühl, dass eine von ihnen ihr das Leben gestohlen hat, dass praktisch ihr gehört hätte.

Birgitta, Margareta und Christina selbst stammen alle aus kaputten familiären Verhältnissen. Alle vier hatten Mütter, die ihr Bestes zu geben versuchten und sich dennoch gezwungen sahen, ihr eigenes Unglück an die Tochter weiterzugeben. Margareta wurde als Neugeborenes einfach im Waschkeller ausgesetzt. Christina wurde von ihrer leiblichen Mutter beinahe im Gitterbett verbrannt. Birgitta wiederum verzehrte sich in Liebe nach ihrer Mutter, obwohl diese alkoholkrank, verwahrlost, bösartig und unzuverlässig war. Sie alle fanden Aufnahme bei der Pflegemutter Ellen, der leiblichen Mutter von Desirée. Alle vier sind stark von ihren Kindheitserfahrungen geprägt und wir treffen auf tragisch unvollständige Menschen. Niemand der drei Pflegetöchter ahnt auch nur im Geringsten etwas von Desirées Existenz. Doch eines Tages erhalten sie alle einen Brief von Desirée, der sie zwingt, sich miteinander und der gemeinsamen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Damit ist Aprilhexe ganz entschieden ein Buch über die Mutterschaft: Über das Recht der Mutter an ihrem Kind, vor allem aber auch über das Recht des Kindes an seiner Mutter. Doch nichts ist einfach in Majgull Axelssons Roman. So gibt es eisige Kälte zwischen biologischer Mutter und Tochter und alle Hindernisse überwindende Liebe zwischen Pflegemutter und -tochter.

Gleichzeitig ist Aprilhexe ein Roman über den schwedischen Wohlfahrtsstaat nach Kriegsende, in dem alle Menschen eigentlich gleich viel wert sein sollten, doch einige, wie Desirée, wurden einfach weggesperrt. Dabei zeigt Majgull Axelsson das Leben so wie es ist, bunt, in allen Nuancen. Einfache Lösungen gibt es hier nicht, aber Menschlichkeit und das Vermögen der Autorin, menschlichen Schwächen und Fehlern mit Verständnis und Liebe zu begegnen, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben. Wir ahnen, die Träume der alkoholkranken Birgitta sind unseren nicht unähnlich und manchmal bedarf es nur einer Kleinigkeit, die dem Leben eine andere Richtung gibt. Wer sind wir, die wir richten?