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Spurensuche - Eine psychoanalytische Betrachtung
Marie Hermansons Roman Muschelstrand
handelt von den drei Mädchen Ulrika, Maja und Anne-Marie,
wobei Ulrikas spätere Spurensuche im Vordergrund steht.
Ulrika verbringt jedes Jahr ihre Sommerferien
in einem Sommerhaus in Bohuslän. Dort lernt sie
Anne-Marie und ihre Eltern kennen, die Gattmans. Urlika ist
fasziniert von dieser Familie, in der die Eltern Journalisten
sind, der Opa Professor und die Kinder selbständig, begabt
und "schön". Zwischen Anne-Marie und Ulrika entwickelt
sich eine Freundschaft, die jedoch immer nur während des
Sommers lebt, im Winter nahezu zum Erliegen kommt und in der
Ulrika sich stets wünscht so zu sein wie Anne-Marie, die
"honig-gleiche".
Eines Sommers dann stößt
Maja zur Familie Gattman. Maja ist "schwarz wie die Nacht",
kommt direkt aus einem Kinderheim in Indien und bleibt für
alle ein Rätsel. Trotz aller Zuneigung verbleibt Maja stumm
und unzugänglich.
Als Maja vier Jahre alt ist, folgt sie den Teenagern Ulrika
und Anne-Marie an einem Mittsommerabend an die Küste, um
dort zu zelten. In dieser Nacht verschwindet Maja spurlos. Sechs
Wochen später findet man sie am Muschelstrand, weit weg
von der Insel, von der sie verschwand. Sechs Wochen, die alles
verändern sollen, sechs Wochen, in der eine Familie auseinanderbricht.
Als Erwachsene denkt Ulrika immer noch
über das plötzliche Verschwinden und das ebenso
plötzliche Auftauchen Majas nach. Sie begibt sich wieder
zum Muschelstrand und macht eine grausige Entdeckung.
Wie ein dunkler Schatten im Hintergrund gibt es noch eine weitere
junge Frau, Kristina, die ihre eigenen Bilder, ihre eigene Wirklichkeit
schafft. Vielleicht hat sie das Vermögen, den Zusammenhang
zwischen dem oberflächlich Unvereinbarenden zu sehen?
Das Leben ist eine ständige Auseinandersetzung mit sich
selbst, eine Spurensuche und ein Prozess der Selbstfindung.
In diesem Sinn kann Maja als Teil der
Persönlichkeit der Ich-Erzählerin Ulrika betrachtet
werden. Sie ist deren alter ego. Ebenso wie sie als Projektionsfläche
von verdrängtem Schmerz der Eltern fungiert. Maja, das
"schwarze" Mädchen aus Indien, gibt somit die
dunklen, die verborgenen und unterbewussten Seiten in uns bzw.
Ulrika wieder.
Sie nimmt als Adoptivkind die Position
in der Familie Gattman ein, die Ulrika gerne besetzen
würde. Anne-Marie, Ulrikas beste "Sommerfreundin",
die honiggleiche, unbeschwerte und umschwärmte Anne-Marie,
ist die einzige Person, mit der Maja von sich aus Kontakt sucht.
Während Maja den Umarmungen und Zärtlichkeiten der
Adoptivmutter gleichgültig gegenübersteht, verfolgt
sie Anne-Marie auf Schritt und Tritt. So wie auch Ulrika gerne
so wäre wie Anne-Marie und jeweils sehnsüchtig den
nächsten Sommer herbeisehnt, engeren Briefkontakt während
des Winters und etwas mehr Aufmerksamkeit im Sommer wünscht.
Sie bedrängt Anne-Marie durch ihre vergleichenden Blicke,
durch Bemerkungen wie "Wie ich wohl mit (deinen) blonden
Haaren aussähe?" auf eine psychische Art ebenso wie
Maja Anne-Marie physisch verfolgt.
Ausgerechnet am skandinavischen Mittsommerabend
- heidnischen Ursprungs und mythisch behaftet aufgrund
der sehr speziellen Lichtverhältnisse des skandinavischen
Sommers - verschwindet Maja spurlos - nachdem Ulrika nicht nur
von Anne-Marie, sondern auch von den übrigen Leuten, die
auf der Insel Mittsommer feiern, Ablehnung erfahren hat. Anne-Marie
nimmt sie kaum noch wahr, umschwärmt von anderen. Also
zieht Ulrika sich schließlich zurück. Auf der psychoanalytischen
Seite wird dies wiedergegeben durch das Verschwinden von Maja,
das eine Katastrophe auslöst und eine ganze - nur scheinbar
intakte Familie - zerstört.
Anne-Marie wird von ihrem schlechten
Gewissen geplagt, lässt aber in dieser psychischen
Notsituation endlich die von Ulrika ersehnte Nähe zu. Bei
den Eltern bricht ein Konflikt auf, der nie verarbeitet, nur
verdrängt worden war: die Freigabe ihres ersten Kindes
- Lena - zur Adoption, weil es missgebildet o.ä. war. Insofern
war schon die Adoption Majas der Versuch einer Wiedergutmachung
an Lena. Kinder aber können nie die Fehler der Eltern wiedergutmachen
und so ist das Vorhaben zum Scheitern verurteilt. Die Gattmans
- Journalisten! - sind unfähig über ihre Gefühle
zu sprechen. D.h. sie sind unfähig, diesen Konflikt nun
endlich zu verbalisieren und somit zu verarbeiten. Die Ehe scheitert,
der Vater wird Alkoholiker und endet als Obdachloser auf der
Straße, bevor er schließlich stirbt. Bei ihm findet
man Textfragmente, Versuche, das "Abschieben" Lenas
doch noch in Worte zu fassen und den Schmerz, die Trauer zu
verarbeiten.
Karen Gattman dagegen geht bis an ihre
physische und psychische Belastbarkeit, um Maja aus ihrem
isolierten Zustand - es wird schließlich Autismus diagnostiziert
- zu holen und ruiniert sich schließlich auch finanziell
nahezu. Auch dies ein vergeblicher Versuch der Wiedergutmachung,
das Geschehene ungeschehen zu machen. Zugleich stellt es eine
Art Buße dar. Ruhe findet sie jedoch erst in der Abgeschiedenheit
eines Klosters auf Öland. Erst hier ist für Karen
Gattman der Prozess der Katharsis abgeschlossen, wenngleich
sie sich mit dem Gedanken tröstet, dass Maja bei Lena war
und ihr einen Gruß von dort - eine weiße Daunenfeder,
Zeichen der Vergebung - mitgebracht hat. Anne-Marie schließlich
tritt die Flucht an, reist nach Amerika und bleibt auch dort.
Ulrika begibt sich im Erwachsenenalter
wieder zum Muschelstrand, um die Geschichte erneut aufzunehmen,
um Spurensuche in der Vergangenheit zu betreiben - instinktiv,
impulsiv und unbewusst, denn dass sie mit ihren Kindern zum
Angeln will, ist nur ein Vorwand. Dieses Kapitel in ihrem Leben
ist offensichtlich noch nicht abgeschlossen. Um aber ihren Kindern
und sich selbst eine Zukunft geben zu können, muss sie
der Sache auf den Grund gehen. Erst das Foto von Anne-Marie,
das ihr Anne-Maries Bruder Jens zeigt, befreit Ulrika vielleicht
vollständig von ihrem "Idol" Anne-Marie, denn
die goldene, honiggleiche Anne-Marie existiert nicht mehr, ist
vielmehr zum fettleibigen Monster mutiert.
Auch die erneute Begegnung - Konfrontation
- Ulrikas mit Maja, die nun in einer betreuten Wohngruppe
lebt, ist in diesem Zusammenhang als Befreiung von alten Wünschen
und Projektionen zu sehen, um diese endgültig zu überwinden.
Vielleicht kann sie sich erst jetzt als Kind ihrer Eltern fühlen,
denn der sehnliche Wunsch zu den Gattmans zu gehören, resultierte
auch aus dem Gefühl, am falschen Platz zu sein, d.h. die
"falschen" Eltern zu haben. Am Ende kehrt Ulrika befreit,
gelöst und zufriedener nach Hause zurück - im konkreten
wie im metaphorischen Sinn.
Bleibt der "Schatten" Kristina.
Kristina, selbst psychisch labil und krank, wird für
Maja zum Kristallisationspunkt. Beide verstehen sich auf Anhieb.
Sie sprechen dieselbe Sprache, eine Sprache ohne Worte, aber
eine von Symbolen durchsetzte Sprache mit leicht morbidem Charakter.
Für Maja hat diese Welt offensichtlich nichts beängstigendes,
ist Zufluchtsort, an dem sie so sein kann, wie sie ist. Hier
wird sie ohne wenn und aber so angenommen, wie sie ist. Vielleicht
ist auch Kristina ein Teil der Persönlichkeit Ulrikas?
Muss Maja dorthin verschwinden, damit Ulrika endlich die von
ihr ersehnte Anerkennung und Aufmerksamkeit von Anne-Marie erhalten
kann?
Gleichzeitig zerbricht die Familie Gattman
schlagartig. Der Familienzusammenhalt - offenbar nur
sehr oberflächlich - hält ausgerechnet einer Krisensituation
nicht stand. Alle Familienmitglieder ziehen sich mehr oder weniger
in sich selbst zurück, v.a. die Eltern - jeder für
sich. Bei den Kindern bilden sich Gruppen: Anne-Marie, Ulrika
und Jens. Eva, zurückgekehrt aus dem Kibbuz, versucht vergeblich,
die Lethargie zu durchbrechen.
Maja taucht erst wieder auf, als das
Ende der Sommerferien naht und Ulrika ohnehin die Gattmans
verlassen muss. Ein früherer Versuch, Ulrika nach Hause
zu holen, scheitert. Sie will nicht, v.a. aber: Anne-Marie bittet
sie, zu bleiben.
Nun aber, da Ulrika definitiv abreisen muss, kann auch Maja
wieder auf den Plan treten. Zurück bleibt eine zerstörte
Familie, aber Ulrika gelingt es nun, den ersten Schritt in Richtung
Abnabelung von Anne-Marie und ihren Projektionen auf Anne-Marie
zu nehmen. Sie kommt aufs Gymnasium und kann erstmals Freundschaften
knüpfen. Sie denkt nicht mehr ständig an Anne-Marie
(auch wenn sie sie nie ganz vergessen hat; daher die Reise zurück
in die Vergangenheit, zurück zum Muschelstrand) und kann
ihren eigenen Weg gehen.
Maja konfrontiert alle in der Familie
mit ihren dunklen Seiten, mit dem, was verdrängt,
aber nie verarbeitet worden ist. Lenas Abschiebung steht all
die Jahre unausgesprochen zwischen den Eltern. Wer aber hat
sich "schuldiger" gemacht? Der Mann, weil er seine
Frau zur Adoptionsfreigabe überredet, fast gezwungen hat,
oder die Frau, weil sie nicht stark genug war, dem zu widerstehen?
Karen erleidet einen Nervenzusammenbruch,
der sich zunächst nicht destruktiv gegen sie selber
richtet, sondern Ausdruck findet in der Zerstörung fremden
Eigentums: sie zerreißt das Kopfkissen und heraus fallen
die Federn, die weißen Daunen. - Das ist natürlich
auch dramaturgisch notwendig, da nur so Maja mit der weißen
Daunenfeder im Haar nach Hause kehren kann und weil Karen nur
so Majas Verschwinden und Wiederauftauchen als einen "Besuch"
bei Lena interpretieren kann.
Parallel dazu spielt sich Ulrikas Erwachsenenleben
als Ethnologin ab. Diese Berufswahl ist sicherlich nicht
zufällig gewählt, wenngleich auch dies möglicherweise
einen unbewussten Reflex darstellt. Bezeichnenderweise aber
beschäftigt sich Ulrika als Ethnologin mit den Bergmythen,
die davon erzählen, wie Menschen - zumeist Kinder - von
Trollen - auf die andere Seite, ins Trollreich, geholt werden.
In einer Geschichte, die Ulrika erzählt, ist es so, dass
der Mutter das Menschenkind genommen wird, ihr aber dafür
das Trollkind in die Wiege gelegt wird. Alles, was die Mutter
dem Trollkind antut - Gutes wie Schlechtes - widerfährt
spiegelbildlich dem Menschenkind im Trollreich genauso. Vor
diesem Hintergrund ist Karens Interpretation des Verschwindens
von Maja zu sehen.
Hinzu kommt, dass Ulrika selbst eine
psychoanalytische Deutung dieser Bergmythen gibt. Diese
Geschichten sind uralt und stammen aus einer Zeit, in der die
Menschen v.a. noch als Bauern tätig waren (Agrargesellschaft),
hart arbeiteten und häufig viele Kinder hatten (keine Verhütung).
War die Mutter also damit beschäftigt, vor Sonnenuntergang
noch so viel Beeren und Pilze zu sammeln, um alle Mäuler
satt zu bekommen, kann sich ein Kleinkind schnell unbemerkt
davon machen. Die Erklärung, dass Trolle das Kind entführt
hätten, ist für die Familie - v.a. für die Mutter
- leichter zu ertragen als die Einsicht, die Aufsichtspflicht
verletzt zu haben und das Kind im Wald, frierend und hungernd,
herum irren und - sei es auch nur vor dem geistigen Auge - sterben
zu sehen.
Damit ist Muschelstrand nicht
nur ein äußerst spannend komponiertes Werk,
das dem Geheimnis der unbekannt Verstorbenen und dem Verschwinden
Majas nachgeht, sondern zugleich eine psychoanalytische Spurensuche
nach der eigenen Identität - ein durch und durch spannender,
nachdenklich stimmender und überzeugender Roman!
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