Zurück in die Vergangenheit, um aufs Neue geboren werden zu können

Einsam im Leben nach einem mehrjährigen Verhältnis mit einem verheirateten Mann macht sich Anna auf den Weg nach Borneo. Die Reise bietet ihr zugleich Erholung vom Alltag als auch die seltene Möglichkeit eines Rückblicks auf die eigene Vergangenheit.

Aber als sie nach Schweden zurückkehrt, verändert sich alles. Sie fühlt plötzlich eine schwache Muskelzuckung im Oberschenkel. Das Gefühl ist vollkommen neu und fremd für Anna. Es erinnert sie an nichts Bekanntes.

Nach der Begegnung mit einem exzentrischem Arzt, einem Spezialisten für tropische Krankheiten, erfährt sie die Wahrheit. Sie ist zum Wirtstier für eine andere Kreatur geworden…

Värddjuret ("Das Wirtstier"), wie der Roman im Original heißt, erschien 1995, also noch vor Muschelstrand und Ein unbeschriebenes Blatt, was sich meiner Meinung nach deutlich bemerkbar macht, auch wenn die Idee der Story selbst sehr bizarr und fesselnd ist.

Doktor Willows, besagter exzentrischer Spezialist für Tropenkrankheiten, bringt Anna nämlich dazu, die Zeit, bis die Puppen zu Schmetterlingen geworden sind, in seinem einsam gelegenen Gewächshaus zu verbringen. So vergeht die Zeit und Anna hat nichts anderes zu tun, als über ihre Jugend nachzudenken. Auslöser dafür ist nicht zuletzt auch Doktor Willows sehr viel jüngere Ehefrau Linda, die Anna an eine ehemalige Klassenkameradin erinnert. Während Anna immer mehr das Gefühl für die real vergangene Zeit verliert, dringt sie gleichzeitig immer tiefer in ihre eigene Kindheit und Jugend ein. Es stellt sich heraus, dass Anna sowohl eltern- als auch kinderlos ist; sie hat "keine Verbindung zurück, keine in die Zukunft". Sie "schwebt in der Zeit". Darum beunruhigt es auch niemanden, dass Anna für längere Zeit verschwunden ist. Niemand sucht nach ihr. Auch als Leser weiß man nicht richtig, sind es Wochen oder gar Monate, die vergehen, bis sie schließlich gerettet wird?

Das Thema taucht später auch in Muschelstrand und Ein unbeschriebenes Blatt auf: Es geht darum, nach Hause zu kommen, seinen Zusammenhang im Leben zu finden. Doch im Vergleich zu den beiden späteren Romanen ist die Kombination hier nicht ganz so geglückt. Muschelstrand und Ein unbeschriebenes Blatt sind dagegen psychologisch ausgereifter und Marie Hermansons Entwicklung ist deutlich abzulesen.

Ein anderes, sich wiederholendes Thema ist die Kluft zwischen Kultur und Natur. In Borneos Dschungel verirrt sich Anna und wird zum Wirtstier für die Schmetterlingsart Recentia Alba, die dann in einer künstlich angelegten Natur, dem Gewächshaus, im kalten Schweden ausgetragen werden muss. Im Dschungel von Borneao erlebt Anna außerdem einen bis dahin unbekannten Zustand der Ruhe. Zurück in Schweden hat sie Schwierigkeiten, die Realität wieder in den Griff zu kriegen. Deshalb flüchtet sie sich mit Leichtigkeit in das Gewächshaus des Doktor Willow.

Richtig unheimlich und geradezu scheußlich wird die Geschichte dann, als Doktor Willows Ehefrau Linda behauptet, Anna sei gar nicht das Wirtstier für eine Schmetterlingsart, sondern für eine Spinnenart, die 200 Eier in Annas Schenkel gelegt hätte. Weder Anna noch der Leser weiß länger, wem man glauben soll, denn Linda hat wieder angefangen, Drogen zu nehmen, und auch Doktor Willows Verhalten nimmt immer verrücktere, pathologischere Züge an. Was ist Wahrheit, was ist Lüge? Beides verwischt immer mehr, wie auch die Wirklichkeit außerhalb des Gewächshauses für Anna immer unwirklicher und unwichtiger wird. Schließlich ist sie praktisch dabei, zu sterben, als es ihr mit einer letzten großen Willensanstrengung gelingt, sich aus dem Gewächshaus zu befreien. Gerettet wird sie in ihren viel zu dünnen Kleidern im größten Schneegestöber von just dem Schatten, den sie ein paar Mal vor dem Gewächshaus zu sehen geglaubt hat. Anna wird schließlich wieder gesund, aber Mutter der Schmetterlinge wird sie nicht, denn die Schwellung ist verschwunden.

War vielleicht alles nur Einbildung? War sie niemals Wirtstier? Brauchte sie vielleicht nur eine Pause vom Leben, um nach Hause zu finden? Musste sie nur deshalb zum - eingebildeten? - "Wirtstier" werden und bei einem verrückten Arzt und seiner drogenabhängigen Frau im Gewächshaus leben, um mit Linda als Brücke in die Vergangenheit, aufs Neue geboren werden zu können? Vielleicht, doch der Schluss der Geschichte ist diesbezüglich etwas weich und schwach, zumindest im Vergleich zu Marie Hermansons späteren Werken. Dennoch: Die Idee einer Gefangenschaft im Gewächshaus eines verrückten Arztes, um Insekten zu gebären, finde ich faszinierend-bizarr und lohnend!