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Merete Morken Andersen, Traumspiele
In „Ein Meer aus Zeit” thematisierte Merete Morken Andersen, wie Eltern mit dem Tod ihres Kindes umgehen. In „Traumspiele“ schildert die Autorin die umgekehrte Perspektive: Kinder, die von ihren Müttern verlassen werden. Entweder sind sie krank und sterben oder sie verlassen ihre Familie der Karriere wegen. So handelt „Traumspiele“ in weiten Strecken von Verlust und Verrat und vom Leben zweier Freundinnen, die das Schicksal und eine eigenwillige Hassliebe miteinander verbindet.
Die eine, Molly, arbeitet als Bühnenbildnerin und führt stellvertretend, so scheint es, für Agnes, die an den Rollstuhl gefesselt ist, ein aufregendes, buntes Leben. Die andere, Agnes, dagegen, kann ihre Wohnung kaum verlassen und beschäftigt sich mit ihrem Schicksalsprojekt. Anhand immer neuer Katastrophen, die uns via Internet, Fernsehen, Radio und Zeitung erreichen, versucht sie, das Schicksal zum Reden zu bringen (S.32), um Zeugnis abzulegen (ebd.). Schicksal und Leid gehören für sie, die sie seit ihrem 19. Lebensjahr das Leben nur noch durch ihre Freundin Molly lebt und beobachtet, zusammen wie Max und Moritz (S.432). Das geht nicht ganz ohne Eifersucht, denn Molly scheint all das zu bekommen, was auch Agnes begehrt: Männer, Liebe, Zuneigung, Kinder …
Die Situation eskaliert, als Molly gezwungen wird, Ine und Eilif, die beiden Kinder von Aksel, Mollys Freund und Agnes’ Therapeut, über den Sommer bei sich im Sommerhaus aufzunehmen, da Monika, die Mutter von Ine und Eilif und Aksels Ex-Frau, schwer erkrankt ist und operiert werden muss. Das erträgt Agnes, die ebenfalls für Aksel schwärmt, nicht. Zuerst baut sie zu Hause ein Modell des Sommerhauses, mit sich, Aksel, den Kindern und Molly, während Molly gleichzeitig an einer neuen Kulisse für August Strindbergs „Ein Traumspiel“ arbeitet. Doch als Ine und Eilif Agnes erste Fotos schicken, erkennt Agnes, dass ihr Modell nicht mit der Realität übereinstimmt. Sie überredet Molly, sie ins Sommerhaus zu holen und es beginnt ein Machtkampf zwischen den beiden Frauen um die Liebe der beiden Kinder und der Aksels.
Dabei erzählt Merete Morken Andersen die Geschichte, wie bereits in „Ein Meer aus Zeit“, aus zwei Perspektiven: aus der Agens’ und der Mollys, sodass es dem Leser obliegt herauszufinden, welche der beiden Versionen oder was in ihnen tatsächlich der Wahrheit entspricht, zumal Agnes, da in ihrem Rollstuhl und Schicksalsprojekt gefangen, ohnehin viele Geschichten, wie sie passieren könnten, zusammenphantasiert.
Über all dem lastet der Verweis auf August Strindbergs Drama „Ein Traumspiel“ tonnenschwer, und die Symbolik droht, die Figuren und die Geschichte zu erdrücken. So wie Indras Tochter, ein göttliches Wesen, in „Ein Traumspiel“ auf die Erde kommt, um das Schicksal der Menschen zu erforschen, so geht auch Agnes der Frage nach dem Sinn menschlichen Leidens nach. Für sie scheinen Enttäuschung und Leid unausweichlich im menschlichen Leben und Zusammenleben zu sein – ebenso wie dies Indras Tochter, die ebenfalls Agens heißt, auf Erden erlebt. Erst zum Schluss denkt sich Agnes auch die Freude hinein (S.432), doch bleibt unklar, wie sie zu der Erkenntnis gekommen ist, denn die Spannung zwischen den beiden Freundinnen wird bis zum Schluss nie ganz aufgelöst, auch wenn freundschaftliche und versöhnliche Gesten das Ende von Agnes’ Besuch im Sommerhaus kennzeichnen – aber wieso eigentlich?
Die innere Wandlung der Figuren bleibt dem Leser verborgen. Hier gelingt es Merete Morken Andersen nicht, ihnen Leben einzuhauchen. Vielmehr agieren sie allesamt selbst wie auf einer Bühne platziert. Eine imaginäre höhere Macht scheint sie zu lenken. So bleibt es bei der Draufsicht, aber ein Blick ins Innere der Figuren gelingt leider nicht.
Strindberg schrieb das Episodendrama „Ein Traumspiel“ als „phantastischen Ausflug eines Mädchens“, bei dem „alles geschehen kann“. In dieser Hinsicht scheint Merete Morken Andersens Agens von Beginn an wesentlich determinierter, denn sie ist nicht die naive Träumerin, als die die Autorin sie – auch – darstellen will. Sie ist klug und intelligent und weiß, wie man die Kräfteverhältnisse stets neu mischt. Sie will, dass wir durch ihre Augen sehen, wie sie die Geschichte Mollys neu schreibt. Wer sich derart klug als „Strippenzieher“ inszeniert, konterkariert aber das Bild der naiven Träumerin, bei der alles möglich ist.
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