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Raffzähne, Drecksäcke und Segelohren
Seine Verwandtschaft kann man sich nicht
aussuchen, fiktive Familiengeschichten zum Glück schon
Asger hat als 11jähriger seine
dicke, zurückgebliebene Tante erschlagen. Sein Vater,
Niels junior Segelohr, kann die Stimme des Urahns Raffzahn hören
und lässt als Knabe in Bergen das "Glockenspiel"
der Nachbarsjungen erklingen, wenn diese ihn wegen seiner Ohren
aufziehen. Großvater Askild trinkt zu viel, malt kubistische
Bilder, verliert wegen beidem mehrmals seinen Job als Schiffsingenieur
und rennt sein Leben lang vor den Bluthunden der Nazis auf einer
ostdeutschen Ebene davon.
Diese "Hundsköpfe" verfolgen
noch seinen Enkel Asger, der sich von einem imaginären
Hundskopf bedroht fühlt, der im Keller unter der Treppe
haust. Doch als Großmutter Bjørk im Sterben liegt,
muss Asger, inzwischen erwachsen, in die dänische Heimat
zurückkehren, um die Familiengeschichte zu Ende zu erzählen.
Um die Dämonen der Familie ein für allemal zu verbannen.
Mit "Hundsköpfe" ist
dem Dänen Morten Ramsland eine bild- und sprachgewaltige
Familienchronik gelungen, die im norwegischen Bergen
der 1930er Jahre beginnt und im Dänemark des 21. Jahrhunderts
endet. "Hundsköpfe" sprüht vor Sprach- und
Aberwitz, derbe Komik und leise Poesie wechseln ab, die Figuren
sind skurrile Typen, Drecksäcke und Raffzähne, aber
man muss sie mögen.
Die Familiengeschichte beinhaltet viele
kleine Geschichten, und kaum hat man die eine atemlos
und berauscht hinter sich gelassen, wartet Ramsland mit der
nächsten absurden Geschichte auf. Einfallsreichtum und
Fantasie sind beeindruckend und die Grenze zwischen dem, was
Ich-Erzähler Asger "objektiv" und "wahrhaftig"
erlebt hat und dem, was er dazu erfindet, um Lücken zu
schließen, ist fließend - das ist ganz große
Romankunst und mit spürbarer Lust am Fabulieren geschrieben.
Ja, so können auch im 21. Jahrhundert
noch Familiengeschichten geschrieben werden!
Reale historische Ereignisse
wie der Fall der Mauer 1989 oder die wirtschaftlich schwierigen
1990er Jahre in Skandinavien spielen
für die Familiensaga jedoch keine Rolle. Hier und
da wird eine Jahreszahl eingestreut, wie beispielsweise das
Geburtsjahr des Ich-Erzählers Asger oder dass der Onkel
mit langen Haaren nach 14 Jahren auf See zurückkehrt, doch
von Bedeutung sind die Ereignisse - mit Ausnahme der Gefangenschaft
des Großvaters Askild in Buchenwald - für die Familie
nicht. Andererseits prägen diese Erlebnisse Askild für
den Rest des Lebens - und damit die gesamte Familie und ihre
Chronik. Ob das vom Autor gewollt ist oder nicht, weiß
ich nicht, es schmälert aber das Vergnügen, das dieser
Roman bereitet, nicht. Dennoch bleibt damit am Ende ein historisches
Vakuum, in dem die Erzählung schwerelos zu schweben scheint
und ein ganz klein wenig an Gewicht verliert.
Der Hörbuch-Version von steinbach
sprechende Bücher mit Heikko Deutschmann als Interpreten
ist die auditive Umsetzung der komplexen, bildreichen und dichten
Sprache hervorragend gelungen. Heikko Deutschmann hält
sich zurück, wo es angebracht ist und verleiht den zahlreichen
Charakteren ihren je eigenen Sprachrhythmus, ohne sich ihnen
zu bemächtigen oder aufzudrängen. Eher scheint es,
als dass die "Geister der Verstorbenen" sich Deutschmanns
bemächtigt haben und ihn als "Sprachrohr" benutzen.
Ramslands Poesie jedenfalls kommt zur vollen Entfaltung und
verliert auch als Hörbuch nichts von seiner beeindruckenden
Magie.
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