Die Vertreibung aus der Kindheit

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Norwegen im Sommer 1948. Der fünfzehnjährige Trond verbringt diesen schicksalhaften Sommer zusammen mit seinem Vater auf dem Land. Es ist ein Sommer voll Sonne, Jungenstreiche und Arbeit. Doch die gemeinsame Arbeit mit dem Vater auf dem Hof gefällt Trond. Hier ist er seinem Vater ganz nah. In der gemeinschaftlichen körperlichen Anstrengung glaubt Trond, einen gemeinsamen Rhythmus mit seinem Vater gefunden zu haben, ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das unzerstörbar, unverletzbar scheint. Am Ende des Sommers wird Trond wissen, dass dies nur eine Illusion war.

Ein Unglücksfall, in dessen Folge Tronds Spielkamerad Jon verschwindet, verdunkelt die sonnenlichte, norwegische Sommeridylle. Gleichzeitig muss Trond erkennen, dass sein Vater ein paar vor der Familie wohlgehütete Geheimnisse hat. Die Entdeckung, dass sein Vater eine Liebesbeziehung zu Jons Mutter unterhält, zwingt Trond, den ersten Schritt in Richtung Erwachsenenleben zu machen. Am Ende des Sommers ist die Zeit der Unschuld und des Unwissens für Trond vorbei, wenn er - alleine ohne seinen Vater - zurück nach Oslo in die Stadt fährt. Sein Vater bleibt in der Sommeridylle zurück und verbringt den Rest seines Lebens mit Jons Mutter. In den Kriegsjahren hatte er zusammen mit Jons Mutter Flüchtlinge und politisch Verfolgte über die Grenze nach Schweden gebracht - und sich für immer in sie verliebt.

Die Geschichte wird aus wechselnder Perspektive erzählt, zum einen aus Sicht des 15jährigen Tronds, zum anderen aus Sicht des 67jährigen Tronds. Der ist vor der Hektik der Stadt und einem nach dem Tod der Frau einsamen Leben dort in eine einsam gelegene Hütte gezogen. Hier möchte er mit Hündin Lyra seinen Lebensabend in Ruhe und Frieden verbringen. Überlebensnotwendige Arbeiten an Haus und Hof bestimmen den Tagesablauf. Doch dann trifft er auf Lars - Jons kleinem Bruder und mit ihm kommen die Erinnerungen an den Sommer 1948 zurück. Das ist schmerzhaft, denn auch mit 67 Jahren sitzt der Schmerz, den der ver- und zurückgelassene Teenager verspürte, noch immer tief und fest an genau der Stelle, wo er seit über 50 Jahren gesessen hat. So dient dem 67jährigen Trond die körperliche Arbeit auch als Versuch, seinem Vater wieder so nahe zu sein wie 1948. Doch so richtig will sich das Gefühl der Zusammengehörigkeit, des gemeinsamen Rhythmus' und der Balance im Leben, nicht wieder einstellen. Etwas ist kaputt gegangen und kann nicht wieder repariert werden.

"Pferde stehlen" ist ein trauriges Buch - genauso wie es ein Buch voll Liebe, Sommer und Sonne ist. Per Petterson erzählt in einer melancholischen und poetischen Sprache, die gut zu der Geschichte passt, die auf der schmalen Grenze balanciert, die das Erwachsenenleben von der Kindheit trennt. Er schildert mit Liebe zum Detail (ohne jedoch den roten Faden zu verlieren), mit großer Ruhe, Kraft und Präzision, wie es sich anfühlt(e), erwachsen zu werden. Man kann die Grenze nicht passieren, ohne die Unschuld und Unwissenheit, die die Kindheit kennzeichnet, hinter sich zu lassen, und die Erkenntnis, dass man diese Grenze überschritten hat, ist ein wenig wie die Vertreibung aus dem Paradies - schmerzhaft. Und so deliziös die Frucht vom Baum der Erkenntnis auch sein mag, so bleibt doch ein Leben lang der Schmerz, der den Abschied aus der Kindheit markiert. Das fängt Per Petterson in Tronds Gefühl des im Stich gelassen Werdens, der Einsamkeit im Alter ein, verdichtet Augenblicke und Stimmungen zu den großen Fragen, die das Leben ausmachen - von Liebe, Krieg und Tod bis Kindheit und Alter.