Sigurd Hoel - Biografie

Der Autor Sigurd Hoel
Sigurd Hoel
Sigurd Hoel wurde am 14.12.1890 in Nord-Odal als achtes von insgesamt zehn Kindern geboren und starb am 14.10.1960 in Oslo. 1909 machte er sein Abitur in Kristiana/Oslo. Von 1921-1924 war er Mitredakteur der radikalen Zeitschrift Mot Dag. 1924 erschien sein erster Roman Syvstjernen (Siebenstern).

Seinen literarischen Durchbruch schaffte er schließlich 1927 mit Syndere i sommersol (Sünder in der Sommersonne). In diesem Roman entlarvt Hoel ironisch die scheinbare erotische Emanzipiertheit junger Leute aus dem akademischen Milieu Oslos. Eine kontrovers geführte Moraldebatte war die Folge. Dabei ist Syndere i sommersol weniger ein frivol-ironischer Roman als vielmehr ein satirischer Seitenhieb auf die übereifrigen Freudianer.

1931 erschien En dag i oktober (Ein Oktobertag in Oslo). Dieser Roman wird als psychoanalytisches Protokoll und Norwegens erster Kollektivroman verstanden. Der Erzähler analysiert die Reaktionen der Bewohner eines Osloer Mietshauses auf den seelischen Zusammenbruch und Selbstmord einer jungen Frau, Tordis Ravn. Dabei bringt er Selbstbetrug, Egoismus, Mangel an Wärme und Liebesfähigkeit in ihren eigenen intimen Verhältnissen zum Vorschein. Die geschiedene Tordis, auf die alle Männer im Haus fixiert sind, wird als Freiwild betrachtet und begeht schließlich durch einen Fenstersprung Selbstmord. Von Hoels Gegnern wird dieser Roman als Angriff auf die bürgerliche Ehe verstanden. Tatsächlich wollte Hoel jedoch die Scheinmoral in der bürgerlichen Ehe aufdecken, sie jedoch nicht grundsätzlich in Frage stellen. Am 28.10.1931 erschien im Morgenbladet eine Rezension von Fredrik Ramm, einem Anhänger der Oxford-Bewegung, die mit dem berühmten Satz: "En skitten strøm flytter over landet" (Ein schmutziger Strom ergießt sich über unser Land) beginnt.

1933 schreibt Sigurd Hoel seinen Roman über die Kindheit, Veien til verdens ende (Der Weg ans Ende der Welt). Erzählt wird konsequent aus der personalen Erzählperspektive des ängstlichen Kindes Anders, das sich zum problembeladenen Mann entwickelt und "den männlichen Panzer" anlegt. Das heißt, Anders kann seine Gefühle überhaupt nicht zeigen und sich anderen Menschen öffnen. So in sich ge- und verschlossen, verlässt Anders als 14/15-Jähriger den elterlichen Hof, auf dem Weg hinaus in die Welt; der Weg vom Haus ins Dorf erscheint dabei als Veien til verdens ende. Hoel folgt hierin Wilhelm Reichs Ansatz, dass aus einer Kindheit, die von Einsamkeit und Niederlagen geprägt ist, kein freier Mensch entstehen kann.

Auch der 1947 publizierte Okkupationsroman Møte vid milepelen (Begegnung am Meilenstein) greift auf psychoanalytische Theorien zurück, wie überhaupt das Jahrzehnt der Zwischenkriegszeit das Zeitalter der Psychoanalyse in der skandinavischen Literatur war. Der Ich-Erzähler, der sich selbst "Den Plettfrie" (Der Unbefleckte) nennt, stellt sich die Frage, wie es dazu hat kommen können, dass einige seiner Studienkollegen und Freunde - ganz "normale" Menschen - zu Nazis werden konnten, wie es sein konnte, dass nicht nur Kriminelle und Versager, sondern auch ehrbare Bürger zu Landesverrätern werden konnten. Es geht darum, "den Nazismus in unseren Herzen" zu finden. Frühere Liebesenttäuschungen, religiöse und sexuelle Verklemmung und Gefühle der Heimatlosigkeit in der Großstadt sind dabei zentrale Themen und Probleme der Vergangenheit, die das Verhalten in der Gegenwart determinieren. Das Pseudonym "Den Plettfrie" gewinnt im Verlauf der Erzählung eine tragisch-ironische Bedeutung, als sich herausstellt, dass auch den Erzähler eine Schuld trifft. Der Vater-Sohn-Konflikt ist einer der roten Fäden im Roman, der das moderne, das heißt zersplitterte, entfremdete Individuum zeigt.

Mit diesen psychoanalytischen Romanen zählte Sigurd Hoel zum "radikalen Kleebatt" (Den radikale trekløver) um Arnulf Øverland und Helge Krog, die sich um die Zeitschrift Mot Dag, dem Sprachrohr der kulturradikalen Intellektuellen, gruppierten. Sigurd Hoel wendete sich in den 30er Jahren der Psychoanalyse Sigmund Freuds und Wilhelm Reichs zu, einem umstrittenen Schüler Freuds. Reich strebte die Verbindung von Marxismus und Psychoanalyse an. Sein Hauptwerk ist "Die Sexualökonomie", die eine psychoanalytische Interpretation der Gesellschaft darstellt. Die Jahre 1934-1939 verbrachte Wilhelm Reich im norwegischen Exil und behandelte in dieser Zeit auch Sigurd Hoel. Gegen Ende seines Exils führte er sehr umstrittene Experimente durch, sodass ihm schließlich die Aufenthaltsgenehmigung entzogen wurde und er nach Amerika auswanderte.

Das ideologische Gegenlager zum radikalen Kleeblatt sammelte sich um den christlich-konservativen Romancier, Essayisten und Dramatiker Ronald Fangen, der von 1923-1929 Redakteur der Zeitschrift Vor Verden war. Hier schrieb der Journalist Fredrik Ramm einen kulturkritischen Artikel, der mit dem berühmten Satz En skitten strøm flytter utover landet… beginnt. Der Bischof Eivind Berggrav bezeichnete in einem Radiobeitrag die Literatur um Hoel als Smutslitteratur (Schmutzliteratur).

Literatur:
Barbara Gentikow, Moralisten contra Immoralisten. Zur verbotenen und inkriminierten erotischen Literatur Norwegens. Die Kultur- und Moraldebatte um 1930.

Siri Gullestad, Psykoanalysen som modell for sjelverkjennelse. En refleksion over Sigurd Hoels Møte ved milepelen.

Fritz Paul, Grundzüge der neueren skandinavischen Literaturen.

Audun Tvinnereim, Sigurd Hoel og Wilhelm Reich: Ett kapittel av den norske mellomkrigstidens litteraturhistorie.