Kommunikation durch Selektion

Die Systemtheorie von Niklas Luhmann rückt nicht - wie Jürgen Habermas - den Menschen in den Mittelpunkt, sondern fokussiert auf größere gesellschaftliche Einheiten, Systeme genannt.

In diesem Sinn werden Organisationen und Unternehmen als handelnde Subjekte verstanden, die als System in Beziehung zu ihrer Umwelt stehen.

Ein System bei Luhmann konstituiert sich durch Ab- und Ausgrenzung zu seiner Umwelt, also durch Differenzierungsprozesse. Es wird also ausselektiert, was zum System und was zur Umwelt gehört.

Primäre Aufgabe von Systemen sei die Reduktion der Umweltkomplexität. So können Systeme wiederum durch Selektion Teilsysteme ausdifferenzieren. So besteht beispielsweise das Kommunikationssystem heute aus den Teilsystemen Journalismus, Werbung und PR.

Luhmann unterscheidet weiter zwischen mechanischen bzw. physikalischen Systemen, organischen, psychischen und sozialen Systemen. Soziale Systeme sind Gesellschaften mit ihren Teilsystemen Wirtschaft, Wissenschaft usw.

Dabei trennt Luhmann jedoch bei seiner Definition von sozialem System radikal von sozialen Systemen im Sinne von Personengemeinschaften mit psychischen und personellen Merkmalen. Damit ist Kommunikation in einem sozialen System in der Systemtheorie ein autarkes, selbstbestimmtes, von menschlicher Intention unabhängiges System. Mit anderen Worten: Soziale Systeme werden in Luhmanns Systemtheorie nicht von Menschen gesteuert.

Zur Eigendetermination sozialer Systeme verweist Luhmann auf die Theorie der Selbstorganisation von Systemen, der so genannten Autopoiese. Danach besitzen Systeme die Fähigkeit zur Selbstreproduktion. Dazu nutzen sie ausschließlich die eigene Operationsweise, sind also selbst-referentiell. Sie weisen damit auch eine operative Geschlossenheit anderen Systemen gegenüber auf.

Somit findet im sozialen System nach Luhmann auch keine Informationsübertragung statt, sondern das System schafft sich seine Information stets selbst durch kontinuierlich stattfindende Unterscheidungsakte zur Umwelt.

Die strikte Trennung von psychischem und sozialem System ist problematisch an der Systemtheorie von Niklas Luhmann. Luhmann postuliert, dass soziales System und psychisches System jeweils die Umwelt des anderen darstellen und sich somit wechselseitig aufeinander beziehen können.

Kommunikation bei Luhmann ist vor allem ein Selektionsprozess. Aus der Fülle an Möglichkeiten trifft das System zunächst autonom eine Entscheidung darüber, was an Information aufgenommen werden soll. Die Information verändert wiederum Strukturen und Gefüge im System, verändert es also.

Sodann wird die Information in eine Mitteilung transformiert. Das System wählt eine bestimmte Ausdrucksform für die Mitteilung und schreibt ihr eine sinnhafte Absicht zu. Es wird also der Bezug zum Adressaten hergestellt.

Mit dem Verstehen der Information bzw. Mitteilung auf Adressatenseite wird der Information gleichzeitig ein Sinn zugewiesen. So ist die Fortsetzung der Kommunikation gewährleistet. Auch der Akt des Verstehens ist bei Luhmann eine Leistung des Kommunikationssystems durch Selektion. Anschlusskommunikation ist jetzt möglich. Schließlich werden die Kommunikationen durch Themen und Beiträge verknüpft

Literatur:
Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt 1984.

Kneer, Georg/ Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, München 1994.

Helmut Willke: Systemtheorie I, Stuttgart 1996