Theorien zum Begriff der "Öffentlichkeit"

Eine Einführung
Öffentlichkeit kann bedeuten, dass etwas allgemein zugänglich ist, wie z.B. eine Gerichtsverhandlung oder eine Theateraufführung.

Öffentlichkeit kann ferner bedeuten, dass etwas staatlich ist, z.B. die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten.

Öffentlichkeit kann schließlich bedeuten, dass etwas veröffentlicht wurde und für ein breites (Massen-)Publikum zugänglich ist.

Daneben stehen sich der systemtheoretische Ansatz von Luhmann und das handlungsorientierte Modell von Habermas gegenüber.

Öffentlichkeit wird in der Systemtheorie als "Zirkulationssphäre relevanter Themen" bezeichnet, als eine Arena oder ein Forum, in dem relevante Themen diskutiert werden. Denn Aufmerksamkeit ist knapp und so kann die Gesellschaft nicht mit beliebig vielen Themen gleichzeitig fertig werden. Die Öffentlichkeit bzw. die öffentliche Meinung konzentriert sich also auf die wichtigsten Themen.

Dabei versteht Luhmann Öffentlichkeit weiter als selbstreferentielles System mit "Spiegelfunktion". Die öffentliche Meinung ist ein Spiegel, bei dem es darum geht, zu beobachten, wie der Beobachter selbst und andere in der Öffentlichkeit abgebildet werden.

Jürgen Habermas hat dagegen eine sehr elitäre Auffassung von Öffentlichkeit und öffentlicher Meinung. Habermas weist darauf hin, dass Öffentlichkeit an die Entwicklungsgeschichte der bürgerlichen Gesellschaft gebunden ist. Im Zuge der Entstehung von Städten und der neuen Schicht der Bürgerlichen (Beamte, Lehrer, Ärzte, Pfarrer) entsteht parallel auch eine neue sich öffentlich artikulierende Publikumsschicht. Öffentlich ist nicht mehr nur die staatliche Gewalt, sondern Öffentlichkeit konstituiert sich als "herrschaftsfreie Sphäre gesellschaftlicher Kommunikation" und ist also eine kritische Gegenöffentlichkeit zu den politisch und bürokratisch Herrschenden.

Öffentliche Meinung bei Habermas entsteht ferner durch das Räsonnement politisch informierter Bürger, die frei und selbständig entscheiden können. Öffentliche Meinung bei Habermas ist ein normatives Konzept mit hohen moralischen Ansprüchen, das rationale Entscheidungen herbeiführt.

Elisabeth Noelle-Neumann hat das Konzept der Schweigespirale entworfen. Sie verweist darauf, dass Menschen sich nicht von anderen Menschen isolieren wollen, sondern die Gemeinschaft suchen. Das bedeutet in Bezug auf ein Öffentlichkeitskonzept, dass die Menschen ihre Umwelt ständig beobachten, um zu registrieren, was in der öffentlichen (= veröffentlichten Meinung) zu- oder abnimmt, was gestärkt oder geschwächt wird.

Wer bemerkt, dass seine Meinung öffentlich vertreten ist, ist gestärkt und artikuliert sich selbst öffentlich. Wer dagegen bemerkt, dass seine Meinung nicht in der öffentlichen Diskussion vertreten ist oder diese zumindest im Vergleich zu anderen Meinungen unterrepräsentiert ist, artikuliert sich dagegen nicht öffentlich.

Während also die einen immer lauter öffentlich reden, wirken sie stärker, als sie wirklich sind; die anderen, die schweigen, wirken schwächer, als sie wirklich sind.

Es entsteht eine akustische Täuschung für die wirklichen Mehrheits- und Stärkeverhältnisse, und so stecken die einen die anderen zum Reden an, die anderen zum Schweigen, bis die Auffassung schließlich in der öffentlichen Wahrnehmung gänzlich untergehen kann.

Literatur:
Fischer Lexikon, Publizistik/Massenkommunikation. Hrsg. von Elsiabeth Noelle-Neumann, Winfried Schulz, Jürgen Wilke. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch, 1989.

Horst Avenarius, Public Relations. Die Grundform der gesellschaftlichen Kommunikation. Darmstadt: Primus-Verlag, 2000.

Claudia Mast, Unternehmenskommunikation. Stuttgart: Lucius & Lucius, 2002.